SEA-WATCH Mittelmeer: Die Ruhe nach dem Angriff

„Ich hab das Gefühl, das interessiert niemanden mehr“, sage ich und schaue Peter an. Der Doku-Filmer begleitet Sea-Watch schon seit seiner Gründung, war mit ihnen im Einsatz auf See, besuchte sie auch in Tunesien bei ihrem Ultraleichtflugzeug. Jetzt stehen wir an Deck der Sea-Watch 2, die im Hafen von Valletta vor Malta liegt.

„Du meinst das hier?“, fragt er.

„Alles. Der Angriff auf die Bourbon. Die Arbeit. Das Sterben. Die Zahlen. Alles. Ich glaube, die Menschen sind mittlerweile übersättigt. Abgestumpft. Irgendwie imprägniert gegenüber der Tragödie.“

Vorbereitung für den nächsten Einsatz

Hinter uns sprühen Funken aus einer offenen Tür und tanzen über den Deckboden. Es riecht nach Schweißarbeiten, nach Arbeit und Schweiß. Seit dem die “Bourbon Argos”, das Schiff von Ärzte ohne Grenzen, von Unbekannten angegriffen und beschossen wurde, liegt die Sea-Watch 2 an der Pier. Die Crew bereitet sich auf den nächsten Einsatz vor. Sicherheitskonzepte werden nachgebessert, Absprachen mit den übrigen Rettungsorganisationen getroffen.

Die Sea-Watch 2 im Hafen von Valletta, Malta Kopie

„Das ist so wie mit jedem Krisenmanagement“, sagt Peter und streicht sich durch sein angegrautes Haar. „Die Krisen werden ausgesessen. In der Politik Gang und Gebe. Irgendwann wird es den Menschen egal.“

Ich nicke. „Ehrlich gesagt, geht es mir nicht anders. Vor einem Monat war ich wie du in Tunesien. Da war alles anders. Näher…“

Tief getroffen hatte mich das Foto eines ertrunkenen Flüchtlingsbabys, das Sea-Watch Ende Mai veröffentlicht hatte. Der kleine Junge war vielleicht ein Jahr alt. Ein Retter hatte ihn aus dem Wasser gezogen und wiegte ihn im Arm, als würde das Kind schlafen. Ich saß zuhause in meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch. Durch das Babyfon hörte ich meine kleine Tochter wachwerden und singen.

Tillmann Teltemann seaWatch

Die Menschen verschwinden hinter den Zahlen. Ihre Schicksale wären zu viel für uns, würden wir all ihre Geschichten und Gesichter kennen. Die Wucht zu groß. Im vergangenen Jahr zählte die IOM, die Internationale Organisation für Migration, einen Toten auf 56 Menschen. In diesem Jahr kommt im Schnitt einer von 38 beim Versuch, das Mittelmeer nach Italien zu überqueren, um. Im April war die Lage besonders extrem. Jeder 16. Flüchtling starb auf See.

Der Schrecken ist weit

Nach zwei Wochen in Tunesien fuhr ich wieder nach Hause. Zu meiner Frau, meiner Tochter. Die Zahlen, die Tragödien auf dem Mittelmeer waren weg. Es hat mich erschrocken, wie weit und wie schnell. Ich glaube mittlerweile, man kann sich den Schrecken nicht permanent vor Augen führen. Das macht niemand hier. Es würde nur lähmen.

Ein bewusster Augenblick. Ein Moment, in dem die Schicksale einen wirklich berühren können, genügt. Und dann muss eine Entscheidung getroffen werden. Für Verantwortung und den Weg etwas zu verändern. Kein Weltschmerz. Nur Klarheit.

Sea Watch Schlange 3

 

Bastian Schlange, Jahrgang 1982, ist Reporter beim gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv und war früher Autor für den Ankerherz-Verlag. “Sea-Watch Mittelmeer” ist ein gemeinsames Projekt von correctiv.org und Ankerherz.

Correctiv.org ist ein gemeinnütziges Recherchezentrum und finanziert sich allein über Spenden und Zuwendungen. Auch Sie können dazu beitragen, die Reportagen zu ermöglichen: correctiv.org/unterstuetzen

0 comments