Seeleute erzählen: Weihnachten weit draußen auf See

Seeleute sind oft einsam. Fernab von Familien und Freunden zu sein, das schmerz besonders in der Weihnachtszeit. Wenn andere mit Glühwein und Keksen gemütliche Zeit neben dem Baum verbringen, schaukeln sie über die Wellen.

Lange Zeit war „Norddeich Radio“ die einzige Verbindung nach Hause. Heute gibt es das Internet, zumindest auf manchen Schiffen. Die Einsamkeit aber bleibt. Wir haben m Laufe der Jahre die Erinnerungen von Kapitänen und Fischern gesammelt. Dies sind ihre Geschichten von Weihnachten auf See. Wir denken an alle Seeleute draußen auf den Meeren.

Weihnachten auf See.

Kapitän Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, Hamburg.

„Selbst hartgesottene Seeleute sehen mit Grauen dem Heiligen Abend entgegen. Ich kenne kaum jemanden, der nicht sentimental wurde. In irgendeinem Hafen zu liegen, warf damals, in meinen wilden Seefahrtjahren, elementare Fragen auf:

Was zum Henker mache ich hier eigentlich?

Und wo finde ich den nächsten Puff?

Es war Anfang der 1960er-Jahre, wir fuhren Charter für eine holländische Reederei und lagen in Puerto Cortes, einem Hafen der Karibik, von dem es keine Postkarten gibt. Zusammen mit anderen Matrosen spazierte ich durch die Straßen, wo man den Feiertag erfrischend unsentimental beging. Mit einem Jahrmarkt für Kinder und Musik in allen Gassen. Party on, Weihnachtsmann!

Doch gegen 22 Uhr verschwanden alle Einwohner von Puerto Cortes wie auf ein geheimes Zeichen in ihren Häusern. Wir entdeckten das einzige Freudenhaus, zur Freude der Puffmutter, einer voluminösen Matrone, die hinter uns die Tür abschloss. Die Mädchen ergingen sich ebenso wie wir in Melancholie. Doch Sekt und Wein verbesserten die Stimmung rasch und es wurde die intimste Weihnachtsfeier, an die ich mich erinnern kann.

Das Fest der Liebe, ganz wörtlich interpretiert.“

 

Kapitän Richard Neu, Jahrgang 1930. Hechthausen

„Als Kapitän eines Trawlers auf dem Nordatlantik war ich Arzt, Seelsorger und Psychologe zugleich. Besonders schlimm war es zu Weihnachten, wenn die Stimmung der Besatzung, von denen einige Kinder hatten und ihre Familien vermissten, auf Tiefseeniveau absank. Andererseits spürte man den Druck, den Betrieb am Laufen zu halten und bekam vom Reeder vor der Abfahrt einen Zettel zugesteckt, auf dem stand: “Neu! Vor allem Rotbarsch und Kabeljau fangen! Seelachs so wenig wie möglich.” Dann hieß es, nicht nur Fisch zu fangen, sondern obendrein den richtigen Fisch zu finden.

Fischer auf dem Nordatlantik zu sein war nie ein Vergnügen: Sturm, Eis und das Risiko, sich schwer zu verletzten, gehören zu diesem Beruf. Einem Matrosen durchschnitt eine gebrochene Kette das Kniegelenk, wie mit einem Peitschenhieb. Ein anderer verlor seine Augenbraue. Wir haben die Wunden geklammert. Wenig später waren die Männer wieder einsatzfähig.“

Kapitän Charly Behrensen. // Foto: Nilz Böhme

Kapitän Charly Behrensen, Fischer, Cuxhaven.

„Ein Seemann, der Weihnachten zu Hause blieb, war für uns eine Memme. Die Jungs, die sich an den Feiertagen für ihre Familien und gegen das Meer entschieden, wurden aufgezogen. Gnadenlos. Es gab keine Feiertage. Nicht für uns. Es wurde gearbeitet, wenn Fisch da war. Und Fisch war immer da.

22 Heiligabende habe ich gezählt, an denen ich draußen auf See war.

1955 erlebte ich mein erstes Weihnachten auf See. Ich saß an Deck der „Bayern“ und knüpfte am 24. Dezember mit steif gefrorenen Fingern bis Mitternacht Netze. Seit Wochen lag unser Trawler im Ärmelkanal und fischte auf Hering. Ich war siebzehn, Matrose, und schaute wehmütig rüber zu den Lichtern von Dover.

Die Reederei spendierte einen Teller

Meine Reederei spendierte jedem Seemann einen Teller. Mit einem Apfel, einer Orange, einem Marzipanbrot, exakt acht Spekulatius und zwei Schachteln Zigaretten. Und abends eine halbe Ente, die mit den Jahren für uns zum Weihnachten auf See gehörte wie der Rum zum Grog. Vielleicht zwei Stunden hatten wir, in denen wir aßen und uns gegenseitig Weihnachtsgrüße vorlasen, dann ging es wieder an raus an Deck.

Wir fischten unter Grönland, Island oder vor Norwegen, und die Kälte war oft so unerbittlich, dass wir Nasenbluten bekamen. Manchmal hatten sich auf dem Schiff Eisblöcke von eineinhalb Metern Höhe aufgetürmt, die wir zerschlagen mussten, um arbeiten zu können. Klingt seltsam, aber die ruhigsten Feste erlebte ich, wenn draußen ein Orkan wütete. Dann konnten wir nicht Fischen.

Aber nicht alles war trostlos. Es gab Momente, die so wunderschön und still waren, dass ich sie nie vergessen werde. Ich stand auf der Brücke meines Trawlers und schaute über die Labradorsee, irgendwo zwischen Grönland und Kanada. In einem Umkreis von zehn Meilen lagen etwa vier Dutzend Schiffe. Die Labradorsee war ruhig, und die bunten Lichter der Trawler spiegelten sich auf dem Wasser.

Es sah aus wie ein Meer von Weihnachtsbäumen.“

Die Geschichten stammen z.T. aus den Büchern „Orkanfahrt“ und „Wellenbrechern“. Gibt es überall im Handel und hier im Onlineshop.

 

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