Seemannsdiakon Sturm: Moria oder was würde Jesus tun?

Moria oder was würde Jesus tun? Jeden Donnerstag, dem Sonntag der Seeleute, schreibt Fiete Sturm eine Kolumne im Ankerherz Blog. Dieses Mal geht es dem Seemannsdiakon von Hamburg-Altona um ein aktuelles Thema, das ihn beschäftigt und belastet.

Moin!

Verzeiht mir, aber ich muss mich heute mal auskotzen. Ich versuche sonst ja – zumindest halbwegs eloquent und gesittet – meine Zeilen zu schreiben. Aber was ich die letzten Tage so lesen und hören durfte, hat mir echt die Zornesröte ins Gesicht getrieben.

Da brennt der Schandfleck auf der ohnehin schon blutbeschmierten, weißen Weste Europas ab. Im Netz, in Radiosendungen und der Politik haben Verteidiger des „christlichen Abendlandes“ nichts besseres zu tun, als sich mit Zynismus und menschenverachtenden Vergleichen zu überbieten.

Was hätte Jesus getan?

Erst ihr Lager abfackeln und dann noch zu uns kommen wollen“, „Vielleicht ist es jetzt ja endlich zuhause reizvoller für sie als bei uns“ und noch ätzendere Äußerungen konnte ich nach dem Brand in Moria lesen. Ich mache mir hier gar nicht erst die Mühe, diese traurigen Versuchen Schutzsuchende zu entmenschlichen zu widerlegen. Zu offensichtlich ist hier die dumpfe Agenda von Hass und Angst. Wer bei solchen Kommentaren zustimmen nickt, sollte ganz dringend mal seinen menschlichen Kompass reparieren lassen.

Als Diakon frage ich mich da manchmal, was Jesus diesen Menschen da gesagt hätte.

Hätte er ihnen zugehört und verständnis- und liebevoll versucht den rechten Weg zu weisen? Oder hätte er sie im rechtschaffenen Zorn mit einem Tritt davongejagt?

Ich muss gestehen, ich finde letzteren Gedanken reizvoller. In letzter Zeit habe ich einfach keine Lust mehr gegen den Chor der Rassisten und Bauernfängern mit guten Argumenten und Geduld anzuschreiben. Wenn eine Partei, die das „C“ dick und fett im Parteinamen trägt, nicht in der Lage ist, die einfachsten Aussagen eines Jesus Christus zu verstehen und entsprechend zu handeln, dann muss man ihnen das auch deutlich sagen dürfen.

Jesus war kein friedfertiger Hippie

In meinen Augen und von meinem, durchaus nicht unfundierten, Bibelverständnis her war Jesus nicht der immer verständnisvolle und stets ausgleichende, friedfertige Hippie, als der er oft so gerne interpretiert wird. Seine Aussagen würde man, in unsere Zeit übersetzt, durchaus als radikal bezeichnen können.

Er hat sich kompromisslos für Menschen abseits der Gesellschaft positioniert. Er hat von uns gefordert, für andere Menschen einzustehen und dabei selbst an unsere existenziellen Grenzen zu gehen. Jesus würde heute vielleicht so etwas sagen wie: „Diese Menschen leiden wegen Dir! Dein Wohlstand ist die Ursache für deren Leid! Verkauf dein Auto, deinen dicken Plasma TV, deine IKEA Möbel, dein Notebook und geh nach Griechenland und hilf diesen Menschen!“

Für mich klingt das erschreckend unbequem. Und gerade das lässt mich denken, dass es gar nicht so weit hergeholt ist. Das ich nicht so ganz falsch liege mit meiner Interpretation eines Jesus von Nazareth.

Moria und die Frage des Gewissens

Und auch, wenn ich – Fiete Sturm – von euch jetzt nicht verlange, euer letztes Hemd zu verkaufen. So bitte ich euch, trotzdem inständig zu helfen. Schmeißt eure Bedenken über Bord und helft denen, die mehr Not leiden als wir! Es gibt genug Spendenaufrufe und Bitten um konkrete Mitarbeit. Aber wenn ich euch etwas empfehlen soll, dann würde ich euch bitten an Space-Eye zu spenden. Ich kenne den Gründer von Space-Eye und Sea-Eye, Michael Buschheuer. Und ich weiß was er, und seine Mitstreiter, für eine wahnsinnig menschliche und pragmatische Arbeit für die Menschen in Moria und auf dem Mittelmeer machen. Ich kann euch versichern, dass sowohl eure Tatkraft als auch eure Spenden dort in guten Händen sind.

Sauer ob der Zyniker und traurig um die geflüchteten Menschen und unsere verkauften, europäischen Werte,

Fiete Sturm

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