Seenotretter erzählen: Die Gefangenen im Watt

SEENOTRETTER ERZÄHLEN: GEFANGENE IM WATT

Als Schüler habe ich Spenden für die Seenotretter gesammelt. Ich bin im pfälzischen Kusel geboren, als Sohn eines Maurers, ältester von vier Brüdern. Niemand von uns fuhr zur See. Wir sind eher eine Familie von Baumeistern, doch ich wollte hinaus aufs Meer. Vielleicht hat das Spendensammeln ein wenig damit zu tun, ich weiß es nicht mehr. Mit 15 besuchte ich die Seemannsschule in Bremervörde und kam schon bald auf mein erstes Schiff, ein kleines Küsten­motorschiff namens Jan Suhr. Wir fuhren hauptsächlich Obst und Gemüse aus dem Alten Land bei Hamburg nach Skandinavien. Ich lernte als Schiffsjunge, für die Matrosen zu kochen, auf der Basis von Pfeffer, Salz und großen Mengen Maggi.

Meine Seemannslaufbahn verlief klassisch: Leichtmatrose, Ma­trose, Steuermann, Offizier. 1963 kam ich zur Reederei Hamburg Süd und wähnte mich im Paradies. Die Unterbringung auf den modernen Schiffen zu Zeiten des Wirtschaftswunders war deutlich komfortabler als auf den kleinen Rostlauben der 1950er-Jahre, und es gab reichlich zu essen. Ich erinnere mich an viele Eier und Würstchen. In den ersten zwei Jahren nahm ich trotz der harten Arbeit knapp 20 Kilo zu.

Grüner Schnaps in Rangun

Es war die Zeit, in der die Seefahrt noch Spaß machte, weil Schiffe nicht ständig unter der Kontrolle von Satelliten und Computern standen und die Liegezeiten in den Häfen lang sein konnten. Mit der Hektik der heutigen Seefahrt, in der Containerriesen Tausende Schachteln binnen weniger Stunden an Land setzen, hatten unsere Reisen nichts zu tun. Ein Weihnachten verbrachte ich in Schweden, umsorgt von der Tochter des Seemanns-Pfarrers. In Australien brachen wir zu einer Krokodil­jagd ins Outback auf, und in Rangun trank ich grünen Schnaps, der einen Mann angeblich sechs Tage lähmt. Gemerkt habe ich davon nichts, außer ein paar Kopfschmerzen vielleicht. Und dann lernte ich meine Frau kennen, die Frau meines Lebens, auf der Insel Borkum. Wegen ihr blieb ich an Land und suchte mir einen Job.

Die erste Zeit arbeitete ich bei einem Schiffsmakler, doch das war nichts für mich. Auch das Leben in der Stadt gefiel mir nicht. Ich bin dafür nicht gemacht, ich halte das nicht lange aus. Eine Großstadt ist wie eine Vorhölle für mich. Ich brauche Weite, Aussicht, Natur, und ich hatte Glück: Auf Borkum wurde ein Platz bei den Seenotrettern frei. Ich half zuerst aus und blieb dann hängen. Im April 1973 war ich Rettungsmann, ab 1977 schließlich Vormann auf Borkum.

Seenotretter erzählen

Die See gehört zu unserem Leben auf der Insel. Wir wohnen wenige hundert Meter vom Wasser entfernt, und ich denke, dass man im Laufe der Jahre einen besonderen Sinn für Gefahren entwickelt. Zu unserem Revier gehören das Borkum Riff, die Emsmündung, gehören die Gezeiten, reger Schiffsverkehr und noch mehr Hobbysegler. Wir stehen in engem und gutem Kontakt mit den Kollegen auf der niederländischen Seite. Nachbarschaftshilfe ist bei uns nicht nur ein Wort.

Doch zurück zu dieser Art »siebter Sinn«, den man im Laufe der Zeit entwickelt. Im Juli 1992 gab es einen Einsatz, der eine Katastrophe verhinderte. Es war ein ruhiger Tag, kein Wind, gar nichts Besonderes passierte, doch Nebel zog auf. Es wurde immer diesiger, und ich konnte die Fischerbalje vor der Hafeneinfahrt kaum noch erkennen. Das Funkgerät lief, und ich hörte einen Ruf. Es klang schwach, abgehackt, war in den Bruchstücken kaum zu verstehen. »Uithuizer Watt … Watt­läufer … Problem.« War das ein Notruf? Eine Peilung war nicht möglich. Ich wusste nur, dass sich, wer immer sich gemeldet hatte, mit dem auflaufenden Wasser im Westen befinden musste.

Das Watt hat keinen Notausgang

Wattläufer, die das Gebiet unterschätzen, die sich verirren und von der Flut überrascht werden, haben wir im Laufe der Jahre Dutzende gerettet. Einmal war ein Pastor mit dem Rad hinausgefahren und buchstäblich hängen geblieben. Die Leute unterschätzen oft die Gefahren. Sie gehen raus, ohne zu wissen, dass es im Watt manchmal keinen Notausgang gibt, und wenn Nebel aufzieht oder die Flut kommt und die Priele volllaufen, finden sie nicht zurück. Das Watt eignet sich nicht für Sonntagsspaziergänge.

Ich rief Norddeich Radio an, Scheveningen Radio, die Station der Kollegen in Eemshaven, die beiden Lotsendampfer, unsere Seenotleitung in Bremen. Keiner hatte den Notruf vernommen. Hatte ich mich verhört? Oder war mein Gerät zu sensibel eingestellt?

Mir ließ die Nachricht keine Ruhe. »Werft die Leinen los! Wir sehen uns um«, sagte ich den Kollegen. Wir liefen mit unserer Alfried Krupp aus und mit voller Fahrt in Richtung des Groninger Watts. Das Wasser kam zurück, und der Nebel lag über der Nordsee. Mit langsamer Fahrt tasteten wir uns durch den Dunst an der Wattkante entlang. Im Radar tauchte ein Fleck auf. Moment! Da war irgendetwas, wo laut See­karte aber nichts sein sollte. Ich ließ das Tochterboot klarmachen, die Glückauf, die in flaches Wasser laufen kann. Wir begannen zu tuten, was man meilenweit hören kann. War da hinten ein Rotfeuer? Dann meldeten die Kollegen von der Glückauf: »Hier steht alles voller Menschen.«

»Packt sie ein und bringt sie mit«, sagte ich durch.

Wenig später kam das Tochterboot längsseits – mit 30 Passagieren. Und es standen noch viel mehr auf der Sandbank, teilweise bereits bis zur Brust im Wasser. Und die Flut lief immer noch weiter auf. Es handelte sich um den Betriebsausflug einer niederländischen Versicherungsgesellschaft, die sich mit zwei Wattführern auf seltsamen Wegen befand. Es waren einige jüngere Leute darunter, Auszubildende, Praktikanten. Ein Priel war schneller zugelaufen, als es die Wattführer erwartet hatten – und nun waren sie Gefangene der kleinen Sandbank, die meterhoch von der Flut überspült werden würde.

Mit einem UKW-Gerät hatte ein Wattführer den Notruf abgesetzt, den ich hörte. Zum Glück brach keine Panik aus, die Leute blieben einigermaßen ruhig, und als sie sahen, dass wir in der Nähe waren, trug das zur Entspannung bei. Sie hatten Vertrauen, dass man ihnen helfen würde – und Unterstützung war auf dem Weg. Die niederländischen Kollegen waren alarmiert worden, ein Marinehilfsschiff näherte sich, und auch ein Freizeitboot aus Borkum machte sich auf den Weg.

142 Menschen retteten wir an diesem Tag aus dem Watt.

Dies ist seine gekürzte Version seiner Geschichte. Die ganze Story lest Ihr in MAYDAY. Deutsche Seenotretter erzählen über die spektakulärsten Einsätze ihres Lebens. Das Buch gibt es überall im Handel und kann hier bestellt werden.

 

 

 

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[…] überstanden haben, kann nicht schaden. Die Gefahren des Watts sind nicht zu unterschätzen. In einigen Blogs haben wir schon über diese Problematik geschrieben. Erst vor kurzem konnten die Seenotretter vor […]
DLRG rettet Wanderer aus dem Watt vor Sankt Peter-Ording on Sep 23 2018