Stefan Geschichten vom Meer: Die Verzweiflung von Norderney

Die Verzweiflung des Inselbürgermeisters von Norderney. Jede Woche schreibt Ankerherz-Verlagsleiter Stefan Kruecken eine Geschichte vom Meer, die in der Hamburger Morgenpost erscheint. Dieses Mal geht es um Corona, uneinsichtige Touristen und einen Inselbürgermeister, der die Welt nicht mehr versteht.

In der Corona-Epidemie geschieht, was in allen großen Krisen passiert. In einer extremen Lage zeigen sich das Beste und das Schlechteste im Menschen. Solidarität und Zusammenhalt auf der einen, Egoismus auf der anderen Seite. Während in Bergamo Militärlaster durch die Straßen rollen, um die Leichen abzutransportieren, feiern wenige hundert Kilometer entfernt andere Europäer „Corona-Parties“.

Was auf Deutschlands Inseln passiert, zeigt die Großlage im Kleinen. Als die Schulen schlossen, zog es zehntausende an die Küsten. „Corona-Ferien“, obwohl jeder weiß, dass es an der See nur eine begrenzte intensivmedizinische Versorgung gibt. Zwanzig Prozent der Corona-Inifizierten müssen ins Krankenhaus, fünf Prozent auf die Intensivstation. Das sind die Fakten, die manche nicht interessieren, wenn Urlaub gemacht werden kann.

Der Ärger auf Norderney

Schleswig-Holsteins Regierung sah sich gezwungen, erst seine Inseln für Touristen zu sperren und dann das komplette Bundesland. Ein historisch einmaliger Vorgang, der beweist, wie sehr es an Einsicht und Vernunft mangelte. Für die Inseln vor der friesischen Küste gilt diese Regelung erst am 25. März – und dies lässt manche verzweifeln.

Ich sprach mit dem Bürgermeister von Norderney, Frank Ulrichs. Er schickte einen Brandbrief an den Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD), mit dem Appell, die Abreise der Touristen drastisch zu verkürzen. „Hier befinden sich noch immer 5400 Gäste auf der Insel (Stand 17.3., 20 Uhr), die relativ unbekümmert ihren Urlaub genießen“, schreibt Ulrichs. „Wir Insulaner sehen ein hohes Risikopotential und haben für diese großzügigen Regelungen kein Verständnis.“

Auf Norderney gibt es ein (!) Krankenhausbett mit Beamtungsgerät. Transporte von Schwerkranken aufs Festland mit dem Helikopter oder den Seenotrettern sind für Patienten riskant und aufwändig, weil die Transportgeräte hinterher desinfiziert werden müssen. Inzwischen liegt die Antwort aus Hannover vor: Ersuchen abgelehnt. „Ich ärgere mich sehr“, sagt Ulrichs. Gemeinsam mit den Bürgermeistern anderer Inseln wurde er beim Landkreis Aurich vorstellig und zumindest dort gehört. Der Landkreis, zu dem die Inseln gehören verfügte, schmeißt Touristen und alle Bewohner ohne Erstwohnsitz am Sonntag raus.

Gedrückte Stimmung auf Helgoland

„Eine Insel ist für eine derartige Krise der denkbar ungünstigste Ort“, sagt Ulrichs. Damit hat er Recht. Auf Helgoland etwa haben alle Bars und Restaurants geschlossen. Die Insulaner sind nun gemeinsam einsam. Anders als in Sturmzeiten, wenn man zusammenrückt bei einem Bier, muss jeder für sich durch diese Krise. „Die Stimmung ist gedrückt“, sagt Thore Laufenberg, Programmchef unseres Radio Ankerherz, das von der Insel streamt. „Auch die alten Insulaner haben so etwas noch nicht erlebt.“

Zwei Coronafälle sind auf Norderney inzwischen bestätigt. Auch waren drei Handwerker, der auf der Insel arbeiteten, waren nachweislich infiziert.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Vor kurzem erschien das neue Inselbuch, das er zusammen mit Olaf Kanter (SPIEGEL) schrieb.

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