Stefans Geschichten vom Meer: Corona-Schreien auf Island

Zur Schrei-Therapie nach Island? Die Corona-Zeit ist eine nervliche Belastung. Manche Menschen brauchen ein Ventil – und auf Island hat man nun eine (nicht ganz Ernst gemeinte) Antwort gefunden. Eine neue Folge von Stefans Geschichten vom Meer im Ankerherz Blog.

Isländer sind kreativ, sie glauben mehrheitlich an die Existenz von Elfen und sie sind gut organisiert. Sie sind sogar so gut organisiert, dass die als kleine Nation mit einer Einwohnerzahl, die ungefähr einem Fünftel Hamburgs entspricht, im Fußball gegen England gewonnen haben. Während Hamburgs Sport Verein mittlerweile selbst vom SV Sandhausen mit fünf Toren im Heimspiel gedemütigt wird, aber dazu kommen wir noch.

Wer auf Island lebt, muss erfindungsreich sein, so weit draußen im Nordatlantik. Außer Fischfang, Vulkanen und viel Landschaft gibt es dort nicht viel. Aus allem haben die Isländer das Beste gemacht. Weil Touristen derzeit eher nicht in Flugzeuge steigen möchten, meldet auch der Tourismus auf Island miese Zahlen. Ungewohnt für eine Insel, die vor dem Corona-Ausbruch Ziel von Stars wie Beyoncé und Ben Stiller war und regelrecht von Touristen überlaufen wurde.

Schrei-Therapie auf Island

Nun hat man auf Island eine Idee gehabt, um im Gespräch zu bleiben. Sie soll der Welt gleichzeitig helfen, aufgestauten Corona-Frust loszuwerden: eine große Schrei-Therapie. Gemäß einer in den 1970er Jahren entwickelten Methode, die das Amygdala genannte Angstzentrum im Gehirn beruhigen soll, können Touristen alles raus lassen.

Sieben gelbe Boxen für diese „Schrei-Therapie“ hat man an besonders schönen Orten überall auf Island aufgestellt. „To let it out“, heißt das Konzept, „um es raus zu lassen“. In der endlos leeren isländischen Landschaft stört das niemanden, abgesehen von ein paar Pferden vielleicht. Ein fröhliches Video, das zum Thema gedreht wurde, zählt nach wenigen Wochen knapp acht Millionen Aufrufe. Das Bedürfnis, wegen Corona zu brüllen treibt, man hat es geahnt, also viele Menschen um.

Wie Santiano im Live-Stream

Weil nur wenige zum Dampfablassen in den Nordatlantik reisen, ist es möglich, den Druck auch auf einer Internetseite loszuwerden. Man sollte vielleicht das Fenster schließen oder die Arbeitskollegen vorab informieren. Das schreckliche Gejaule wird aufgezeichnet und nach Island übertragen. Man fühlt sich gewissermaßen ein Mal im Leben wie Santiano im Live-Stream.

Das Video kann man sich anschließend im Internet ansehen und vor allem anhören. Wobei die Isländer, serviceorientiert wie immer, gleich Anleitungen mitliefern. Eine Therapeutin namens Zoë Aston empfiehlt, sich an ein Baby zu erinnern. Der Schrei eines Neugeborenen kommt tief aus seinem Bauch.

Tarzan auf Island

Auf der Webseite sind in einem Archiv diverse Beispiele aus aller Welt archiviert. Simone aus Kopenhagen klingt wie ein Teekessel kurz vor der Detonation. Johnny aus Hamburg scheint beim Zahnarzt in der wirklich fiesen Wurzelbehandlung zu stecken, während Ryan aus Manchester einen Original-Tarzan hinlegt.

Womit wir wahlweise bei den Covidioten in Berlin sind, die für das Recht auf eine zweite Corona-Welle demonstrieren, oder wieder beim Hamburger SV. Einfach eine Wiederholung vom 1:5 aus dem Volkspark einlegen und dann endlich alles rauslassen. Das Ergebnis ist auch ohne Internetverbindung noch in Reykjavik zu hören, vermute ich mal.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Vor kurzem erschien sein neues Buch „Kapitäne!“

Wir haben unser Herz an Island verloren. Von dort importieren wir das Nationalgetränk – den köstlichen Brennivin. Probiert ihn mal aus! Soll auch die Nerven beruhigen, ganz ohne Schrei-Therapie…

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