Stefans Geschichten vom Meer: Coronavirus und Helden der Woche

Coronavirus und die Helden der Woche. Jeden Samstag erscheint Stefans Geschichte vom Meer als Kolumne in der Hamburger Morgenpost. Diesmal geht es um das Coronavirus, einen akuten Mangel an norddeutscher Gelassenheit und die wahren Helden der Woche.

Leergekaufte Regale in manchen Supermärkten. Meldungen von Atemmasken, die zu überteuerten Preisen angeboten werden. Eine Stimmung kurz vor dem Weltuntergang und immer wieder aufgebauschte „Geheiminformationen“ irgendeines Schwippschwagers, die in den Sozialen Netzwerken verbreitet. Das Coronavirus ist nun auch in Hamburg angekommen und ich staune:

Wo ist eigentlich die norddeutsche Gelassenheit hin?

Natürlich besteht Grund zur Sorge, natürlich besteht umso mehr Grund zur Vorsicht. Aber mit Panik ist niemand gut beraten. Wer sich besser fühlt, mit einem Berg Ravioli oder Erbsensuppe in die nächsten Wochen zu gehen: bitteschön. Nutzen wird es ebenso wenig wie Schutzmasken, die im Netz zu teils aberwitzigen Preisen gehandelt werden. Außer natürlich, man ist schon infiziert – dann steckt man die Umwelt nicht so schnell an.

Coronavirus: Sorge ja, Panik nicht

Zwischen den Schlagzeilen dieser Woche ging ein Ereignis beinahe unter – eine große Tat von Seeleuten auf der Nordsee. Es war etwas passiert, wovor sich viele an der Küste und auf den Inseln fürchten. Ein Frachter trieb hilflos im Sturm, 64 Seemeilen westnordwestlich von Helgoland. Irgendwo auf dem Grund der Nordsee liegt heute das Ruderblatt der „Santorini“.

Erinnerungen wurden wach an den Fall des Massengutfrachters „Glory Amsterdam“, der Ende Oktober 2017 auf die Küste zutrieb und auf einer Sandbank vor der Insel Langoog strandete. Es war reiner Zufall, dass es damals nicht zu einer Katastrophe kam. Diesmal aber gelang die Rettungsaktion filmreif.

Das Havariekommando Cuxhaven schickte ein „Towing Assistance Team“ (TAT) los, zu dem erfahrene Seeleute gehörten, die besonders für den Einsatz auf manövrierunfähigen oder verlassenen Schiffen ausgebildet sind. Der Notschlepper „Nordic“ verließ seine Sturmposition unter Helgoland. Noch in der Nacht begann das Rettungsmanöver.

Der havarierte Frachter Santorini und Notschlepper Nordic aus der Luft. Foto: Havariekommando Cuxhaven

 

Im Sturm um neun Beaufort und in sieben Meter hohen Wellen gelang es den Seeleuten innerhalb von nur 40 Minuten, den 159 Meter langen Havaristen „auf den Haken“ zu nehmen, wie es in der Seefahrersprache heißt. Mit der Leinenverbindung hielt die Crew der Nordic den Havaristen in den nächsten Stunden auf Position – bis ein starker Schlepper von Bugsier eintraf. In einem Windpark, in dem man sich schon auf eine Evakuierung vorbereitet hatte, konnten die Offshore-Arbeiter aufatmen.

„Das war bei den Wetterverhältnissen kein Spaziergang. Es zahlt sich aus, dass wir derartige Szenarien regelmäßig sehr intensiv trainieren” sagte Hans-Werner Monsees, Chef des Havariekommandos. Dem kann man nur zustimmen: großartige Leistung auf der Nordsee! Respekt für die Seeleute. Die Santorini wurde nach Bremerhaven geschleppt, wo sie nun auf der Bredo-Werft repariert wird.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Vor kurzem erschien sein neues Buch Kapitäne! 

 

 

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