Stefans Geschichten vom Meer: Im Sturm nach Helgoland

Jede Woche schreibt Ankerherz-Verlagsleiter Stefan Kruecken eine “Geschichte vom Meer” für die Hamburger Morgenpost. Natürlich erscheint sie auch im Ankerherz Blog. Diesmal geht es im Sturm rüber auf die Insel Helgoland.

Der Wetterbericht hatte Windstärke Acht und dreieinhalb Meter hohe Wellen versprochen. Ideales Wetter also, um auf der Nordsee ein Video mit einem alten Kapitän zu drehen (das Ergebnis seht Ihr HIER im Ankerherz Blog). Der Seemann freute sich über den Ausflug und der Filmemacher versicherte, seefest zu sein.

Als wir in Cuxhaven an Bord der MS Helgoland gingen, erinnerte uns jedes Crewmitglied, das uns begegnete daran, dass es heute keinen Aufenthalt auf der Insel geben sollte. Die Fähre würde sofort wieder umdrehen, denn am Nachmittag sollte der Sturm noch stärker wehen, und dann wollte der Kapitän zurück im sicheren Hafen sein.

„Wollt Ihr das wirklich, nur hin und zurück, bei dem Wetter?“

„Ja, genau das wollen wir.“

„Aja, okay. Müsst Ihr ja wissen“. Die Blick sagten so etwas wie: es gibt wirklich Bekloppte.

Als es losging mit der Wellenreiterei, war die Stimmung der Passagiere auf Deck 3 ziemlich gut. Die Sonne brach durch die Sturmwolken und schien auf eine tiefblaue Nordsee , die weiß gekämmt war. Gelächter, ausgelassene Stimmung, eine Gruppe amerikanischer Rucksacktouristen knipste Selfies mit den Wogen im Hintergrund.

Die Spucktüten werden gefüllt

Kapitän Günter Mundt, Jahrgang 1939, einer der Seeleute aus dem neuen Ankerherz-Buch „Kapitäne“, steckte sich eine Pfeife ein. Er genoss jede Minute, das sah man ihm an. Seit er 16 war, fuhr er zur See. Sein Leben: ein Abenteuerroman. Als eine Hafenschlägerei in Havanna außer Kontrolle geriet, landete er im Knast, doch wegen einer geöffneten Zellentür gelang ihm die Flucht. Der alte Seemann erzählt von Stürmen und Rotlicht und seinem Faible für John Steinbeck, es schaukelte von Minute zu Minute heftiger. Nordsee pur, einfach herrlich.

 

Eine Durchsage mahnte, sich doch nun bitte nicht mehr an Bord zu bewegen, wegen möglicher Verletzungsgefahr. Mit der guten Stimmung an Deck und den Selfies war es seit dem „Hamburger Loch“ vorbei. Mehrere Passagiere füllten die blauen Spucktüten, die Crewmitglieder anreichten. Um den Bistrobereich zu lüften, hatte man die Türen geöffnet. Kapitän Mundt flog in einer Böe die so sturmerprobte Mütze mit dem Anker auf dem Schirm davon. Sie landete auf einem Kran ganz am Heck und konnte von einem Crewmitglied gerettet werden. Brach der Rumpf der MS Helgoland durch eine besonders große Welle, gab es einen lauten Knall. In der Bordbar klirrten die Gläser, die See rauschte, der Sturm pfiff und die jungen Amerikaner würgten.

Rettungswagen auf Helgoland

Als wir auf Helgoland festmachten, stand ein Rettungswagen unter Blaulicht auf der Pier. Ein Crewmitglied hatte sich böse die Hand in einer Tür gequetscht. Er wurde blass und mit einem blutigen Verband über die Gangway geleitete. Wenig später konnte man sehen, dass ein Hubschrauber auf Helgoland landete, um ihn ans Festland zu fliegen.

Wir gingen von Bord und stellten uns gleich wieder an, um wieder einzuchecken. Der erste Gang führte ins Bordrestaurant. Es war Zeit für das Mittagessen.

Nirgendwo schmeckt Labskaus so gut wie draußen auf See.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Die Mütze mit dem Seemann, den Troyer und die Jacke, die er auf diesem Foto trägt, gibt es im maritimen Onlineshop von Ankerherz.

Helgoland ist die Heimat von Radio Ankerherz. Unser kleiner Radiosender streamt rund um die Uhr Themen vom Meer und eine feine Musikauswahl von der Insel in der Nordsee. Ihr könnte das Studio in der Siemensterrasse 148 besuchen!

 

 

 

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