Stefans Geschichten vom Meer: Immer wieder Wellerman

Der kleine gemeinsame Wellerman. Jede Woche schreibt Ankerherz Verlagsleiter Stefan Kruecken eine Geschichte vom Meer. In dieser Folge geht es um den gewaltigen Erfolg eines alten Shanty.

In meiner Geschichte vom Meer schrieb ich bereits über ein modernes Märchen namens „Wellerman“. Ein Shanty, vermutlich aus dem Jahr 1860, vermutlich entstanden an Bord eines Walfangschiff, der 161 Jahre später auf Platz 1 der Charts in Deutschland und Großbritannien schoss. Weil ihn ein Postbote in Schottland auf einer App namens TikTok sang.

Das ist nun elf Wochen her.

Nach einem Vierteljahr steht der Song noch immer auf Platz 1 in Deutschland. Vor Justin Bieber und Lady Gaga und diesen beknackten Rappern. Ein Lied aus dem Jahr 1860, in dem es um das Zerlegen eines Walkadavers geht und die Hoffnung auf ein Nachschubschiff, das Tee und Rum bringen möge.

Siegeszug des Wellerman

Nathan Evans, so heißt der junge Postbote, ist heute Popstar. Er hat einen Vertrag bei einer großen Musikfirma unterschrieben und sich ein Haus in Glasgow gekauft.

“Soon may the Wellerman come, to bring us sugar and tea and rum”.

Jeder kennt den Refrain auswendig, denn das Lied spielt aktuell jeder Radiosender. Wenn wir ihn bei uns nicht alle zwei Stunden auf Radio Ankerherz senden, unserer Welle von Helgoland, schicken uns Hörer irritierte Rückfragen: Wo bitte der „Wellerman“ bleibt?

Ein altes Seemannslied bringt Deutschland durch die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Es wird im Rückblick als Soundtrack und als kleinster gemeinsamer Nenner in die Historie der Corona-Zeit eingehen. Warum? Weil dieses Lied neben der eingängigen Melodie ein Gefühl von Gemeinsinn transportiert, das irgendwo zwischen Pandemie-Welle zwei und drei verloren ging. Weil dieses Mal auch schiefes Singen erlaubt ist und der kleine Zwischenrülps genehm.

Glattwal im Schlepptau

Wir sind heute nicht auf der „Billy o‘ Tea“, die einen Glattwal ins Schlepptau nehmen will. Dafür aber mit der MS Corona unterwegs, unter einer Schiffsführung, die längst den nächsten Eisberg getroffen hat, aber die Matrosen diskutieren lässt, welches Design die Rettungsboote haben.

Dass der Erfolg des „Wellerman“ nicht ein paar Tage andauert, sondern nun schon vier Monate, zeigt auch, wie massiv Soziale Medien unser Leben beeinflussen. Ohne Tiktok, ohne Facebook und Co. geht nicht mehr viel in der Alltagskultur. Was bedeutet, dass auch die verqueren „Denker“ nicht weit sind.

Propaganda für den Walfang

Weil wir so oft den Wellerman spielten auf Radio Ankerherz, glorifizierten wir den Walfang, schrieben mir einige Leute. Wir würden das „blutige Gemetzel“ propagieren und dem „Patriarchat“ das Wort reden. Klar, darunter geht es natürlich nicht.

Ich habe auf diese Kommentare nicht geantwortet, denn ich möchte mir die Laune nicht verderben lassen. Mich freut, dass ein altes Seemannslied eine solche Energie entwickelt.

Auch wenn mir längst nicht immer nach Mitsingen zumute ist.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet den Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „Helden der See“. Radio Ankerherz ist der einzige Sender von der Hochsee. Wir streamen von Unterland auf Helgoland.

 

 

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