Stefans Geschichten vom Meer: Katamaran aus Indonesien

Ein neuer Helgoland Katamaran wird vorgestellt. In einer Woche, in der das Werftensterben in Norddeutschland durch die Medien geht. Doch das Schiff kommt aus Indonesien. Warum eigentlich? Eine neue Geschichte des Meeres von Ankerherz-Verlagsleiter Stefan Kruecken.

In dieser Woche stellte die Reederei AG Ems einen neuen Katamaran vor, der vor allem von Cuxhaven nach Helgoland rasen soll. 35 Knoten schnell wird „Nordlicht 2“ sein, was die Reise zum Roten Felsen auf 75 Minuten verkürzt. Es ist der zweite Kat, der Helgoland ansteuert, neben dem „Halunder Jet“, der von den Landungsbrücken in Hamburg ablegt.

Ein Katamaran aus Indonesien

In dieser Woche gab es Berichte darüber, wie katastrophal es den Werften bei uns im Norden geht. Stellenabbau bei Blohm+Voss, drohende Schließung der Lloyd Werft in Bremerhaven, Überlebenskampf der MV Werften in Rostock, Proteste gegen Kündigungen in Papenburg.

Gebaut wurde der neue Helgoland-Katamaran in: Indonesien.

Ein Spezialschiff brachte die „Nordlicht 2“ Huckepack von Asien nach Deutschland, für einen „mittleren sechsstelligen Betrag“, wie die Reederei auf meine Anfrage verriet. In einem ziemlich wackligen YouTube-Video berichtet Vorstand Bernhard Brons, dass „Teile des Katamarans aus Europa“ stammten.

Der Fahrstuhl: eine Sensation!

Teile: Teppichböden aus Holland, Sitze aus Norwegen und der Fahrstuhl aus Deutschland. „Also da ist ganz viel EU und vor allem Deutschland drin“, sagt er im Video. Eigentlich müsste an der Stelle ein Lacher vom Band laufen. Der Fahrstuhl! Und klar, ja, die Motoren, denn die kann man (noch) nicht von Billiglöhnern zusammendengeln lassen.

Man habe die Werft nach weltweiter Ausschreibung nicht nach Preis, sondern „nach Qualität“ ausgewählt, beteuert die Reederei. Ach so. Fachleute erzählen mir, dass Neubauten aus Asien ungefähr halb so teuer sind wie in Europa. Zum Thema Qualität bleibt anzumerken, dass der „Halunder Jet“ der Konkurrenz – Werft: Philippinen, Flagge: Zypern – immer wieder durch seine Reparaturanfälligkeit auffällt.

Was ihm in den Sozialen Netzwerken den Spitznamen „Holunder Schneck“ und miese Kritiken einfuhr. Als etwa eine große Welle das Schiff traf, ging es gleich ins Dock. Große Wellen kommen in der Nordsee bekanntlich so gut wie nie vor.

Ich wundere mich, wie all dies bei den Familien der Werftarbeiter ankommen mag. Die große, übergeordnete Frage an die Politik lautet: Kann sich das Industrie- und Exportland Deutschland wirklich leisten, keine eigenen Schiffe mehr zu bauen? Besonders China subventioniert seine Werften in einem Maße, dass man aus dem Begriff „Wettbewerbsverzerrung“ den Teil mit „W“ streichen sollte.

Was die Helgoland-Katamarane angeht: War es wirklich unmöglich, Fördermittel zu bekommen, um in Deutschland zu bauen? Wäre das nicht nur verantwortungsbewusst für die Region, sondern auch marketingtechnisch klüger gewesen?

Ich stelle es mir jedenfalls schwierig vor, auf Sicht die Helgoland-Tagestouristen aus Indonesien bei der Stange zu halten.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Das neue Buch heißt „Überleben im Sturm“.

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