Stefans Geschichten vom Meer: Leuchtturm oder Armleuchter?

Leuchtturm oder Armleuchter? Die Coronakrise wirft eine Frage auf, die jeder beantworten muss. Wie verhält sich jeder von uns im Sturm. Als Leuchtturm für andere? Oder als egozentrischer Armleuchter. Stefans Geschichte vom Meer, die auch in der Hamburger Morgenpost erscheint, beginnt an einem Leuchtturm im Osten Englands…

Die Gewalt der Coronakrise überdeckt in diesen Wochen alles. Inmitten von Sorgen und Angst und der Ungewissheit, wie es weiter geht, gibt es immer wieder auch kleine, schöne Geschichten. Eine spielte in dieser Woche an der englischen Ostküste, in einem Örtchen namens Withernsea nahe der Hafenstadt Hull.

In Withernsea gibt es einen alten Leuchtturm, 1892 erbaut, weil vor der Küste viele Schiffe sanken. Er überragt den kleinen Ort und die Zeilen der Arbeiterhäuschen, er ist das Wahrzeichen der Gegend und seit langem nicht mehr im Betrieb. In der Moderne braucht es alte Leuchttürme nicht mehr, in Zeiten von GPS und elektrischen Seekarten. 1976 brannte zum letzten Mal Licht in der Turmspitze.

Neues Licht im alten Leuchtturm

Aktuell wird England hart von der Pandemie getroffen. Knapp 8000 Tote sind zu beklagen (Stand: Freitagnachmittag) und selbst Premierminister Boris Johnson lag auf der Intensivstation. Die Zeiten sind hart, und in Withernsea kam man auf eine Idee: Zum ersten Mal in 40 Jahren brannte im Turm wieder ein Feuer. Ein Licht der Hoffnung.

In den Sozialen Medien zeigten sich die Bürger des Städtchens begeistert. Viele erinnerte das Signal an ihre Kindheitstage. Viele beschrieben, wie beruhigend das Licht in der Dunkelheit wirkte. Ein Leuchtturm in der Not.

Kaum ein Zitat wird in diesen Wochen so häufig bemüht wie ein Ausspruch von Helmut Schmidt: „Charakter zeigt sich in der Krise.“ Wer sind die Leuchttürme, wer sind die Armleuchter in diesen Tagen? Auf der einen Seite Menschen wie Kanzlerin Angela Merkel oder Hamburgs Oberbürgermeister  Peter Tschentscher, die uns unaufgeregt und sachlich durch diesen Orkan steuern.

You´ll never walk ein Hohn

Auf der anderen Seite Typen wie der Fußballspieler Toni Kroos, der sich öffentlich darüber beschwerte, auf zehn Prozent (!) seines Jahresgehalts von 20 Millionen Euro (!!) verzichten zu müssen, mit dem sein Arbeitgeber einfache Angestellte bezahlt. In Liverpool verhalten sich die Spieler genau so asozial, und der Verein plante tatsächlich, Kurzarbeit und damit staatliche Hilfe anzumelden. Was erst nach einem epischen Shitstorm in den Sozialen Medien widerrufen wurde. „You´ll never walk alone“? Fuck off!

Im Sturm zeigt sich, wie Menschen ticken und ein Konzern der Marke Adidas, der sich sämtliche Imagekampagnen der nächsten Jahre schenken kann. Im Sturm lässt sich wenig verstecken. Manche wachsen über sich hinaus, wie Markus Söder (CSU), bei anderen fällt noch deutlicher auf, wie limitiert sie sind, siehe Christian Lindner, diese Karikatur eines Liberalen. Hat jemand eigentlich etwas von der AfD gehört? Also, außer Verharmlosungen der Pandemie und anderem Schwachsinn, den aktuell keiner zur Kenntnis nimmt, weil die Lage einfach zu ernst ist.

Wie gesagt: Eine große Krise hat auch gute Seiten. Leuchtturm oder Armleuchter? Jeder hat die Wahl.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Vor kurzem erschien sein neues Buch Kapitäne! Das Buch gibt es hier bei uns im Online Buchladen.

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