Stefans Geschichten vom Meer: Rettet die Washington Bar

Rettet die Washington Bar! Jede Woche schreibt Ankerherz Verlagsleiter Stefan Kruecken eine Geschichte vom Meer für die Hamburger Morgenpost. Diesmal geht es um eine Seefahrer-Bar, die wegen Corona den heftigsten Sturm ihrer Geschichte erlebt. 

Zu einer Zeit, als die Schiffe nicht hunderte Meter lang waren und zehntausende Stahlkisten durch die Gegend schoben, in einer Zeit also, in der die Seefahrt Abenteuer bot und romantisch war, kannte jeder Seemann in jedem Hafen eine Bar. Das „Walhalla“ in Rotterdam ist Legende, das „El gato Negro“ in Bilbao, das „Theatre Shanghai“ in Havanna oder das „Golden City“ in Bremen. Alte Seeleute bekommen einen seltsamen Glimmer im Blick, wenn diese Namen fallen, und Kapitän Schwandt hebt zu abendfüllenden Geschichten an.

Heute schaffen es die Matrosen kaum noch aus den weit entfernten Containerterminals in die Stadt. Und wenn, sind die mies bezahlten Seeleute nicht auf der Suche nach kalten Drinks und schneller Liebe, sondern nach kostenlosem W-Lan, um nach Hause zu skypen. Die Haifisch Bar, Schellfischposten oder der Silbersack sind wie verblichene Tattoos einer vergangenen Epoche.

Die Washington Bar ist Legende

Von den Seefahrerkneipen in Hamburg gibt es einen besonderen Mythos: die Washington Bar. Bernhard-Nocht-Straße, Sankt Pauli, „seit 1952“, steht auf dem Schild neben dem Eingang. Freddy Quinn wurde am Tresen vom Filmproduzenten Jürgen Roland entdeckt, während er schmalzige Country-Songs auf der Gitarre spielte. Hier also begann eine Karriere, in der Quinn das Hintergrundrauschen für die Zeit des Wirtschaftswunders lieferte, zehn Nummer 1-Hits schrieb und mehr als 50 Millionen Platten verkaufte.

Vom Tresen der Washington Bar schaffte es Freddy Quinn, der in Wahrheit Franz Eugen Helmuth Manfred Nidl hieß, auf die Bühne der New Yorker Carnegie Hall. Diese Zeit vergaß er nie und widmete der Washington Bar einen eigenen Song, „Cigarettes and Whisky“. Eine Strophe geht so:

Woher ich auch kam und wohin ich auch ging/

Ich fand überall einen Platz für ’nen Drink/

Doch den besten und feinsten, das war mir bald klar/

Den gab’s bei den Girls in der Washington-Bar.

Dass es die Bar noch gibt, ist das Verdienst von Saudi Wolde-Mikael und Christian Cvachovev. Die beiden Hamburger übernahmen den Laden vor einigen Jahren und transferierten ihn in die Moderne: Das schummrige Wohnzimmer-Gefühl der 50er ist noch präsent, aber die Drinks sind ebenso modern wie die Technik für durchtanzte Nächte. Von den Wänden schauen neben einer alten Seemannszeichnung auch Amy Winehouse und Snoop Dog. Mein liebster Platz ist das Sofa unter der Diskokugel.

Nun aber ist die Zeit der Corona-Krise und die alte Bar befindet sich im größten Sturm ihrer Geschichte. So geht es vielen Bars in Hamburg, die sich im Barkombinat zusammengeschlossen haben, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Sie ist seit Monaten geschlossen. Die kuschelige Washington Bar ist ein Ort, für den das Konzept von „Social Distancing“ absurd erscheint. Offiziell als „Tanzlokal“ einklariert, darf die Bar zwar seit einigen Tagen wieder öffnen, doch unter strengen Auflagen: Maximal zehn Gäste sind zugelassen, aber um sicherzustellen, dass sie sich nicht zu nahe kommen, braucht es laut Vorschrift zwei Servicemitarbeiter hinter dem Tresen.

„Wir haben gerechnet, wie das irgendwie funktionieren soll“, sagt Saudi. Ergebnis: Es rechnet sich nicht.

Mit einem Außerhaus-Verkauf von Getränken versuchen die beiden, irgendwie ein wenig Umsatz zu generieren, doch das ist schwierig. Ein Live-Stream, für den jeden Samstag DJ auflegen, soll helfen, dass die kleine Bar nicht in Vergessenheit gerät. Die Macher der Washington Bar haben sich nun mit einem Spendenaufruf an die Öffentlichkeit gewandt, um die nächsten Monate irgendwie zu überstehen. Einige tausend Euro fehlen.

Also, Hamburg: Rettet die Washington Bar! Ein Ort der Seefahrtsgeschichte, der nicht verloren gehen darf.

Hier geht es zur Crowdfunding Kampagne!

 

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch heißt Kapitäne!

 

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