Stefans Geschichten vom Meer: Rüber nach Helgoland

Die erste Folge der neuen Kolumne für die Hamburger Morgenpost schreibe ich auf der Nordsee. An Bord der MS Helgoland, im Bordrestaurant auf Deck 3, auf dem Weg zum Roten Felsen. Es gibt hier einen wirklich guten Kaffee. Ich fahre regelmäßig  rüber auf Deutschlands einzige Hochseeinsel, seit unser kleines Radio Ankerherz von dort aus in alle Welt streamt. Ich genieße es jedes Mal.

Eine der häufigsten Fragen, die Kapitän Schwandt immer wieder gestellt wurden: Ist das nicht irgendwann langweilig auf See? Hat man sich nicht irgendwann satt gesehen am ewigen Blau? „Nein“, hat der alte Seemann dann gebrummelt, und eine Braue leicht angehoben, wie er es immer tut, wenn ihn eine Frage irritiert. Denn die See, so erklärte er, verändert ihr Gesicht in jeder Stunde. Wegen der Wolken, wegen des Windes, wegen des Lichts.

Rüber nach Helgoland

Natürlich hat der Kapitän auch in dieser Frage Recht. Am liebsten sind mir die Überfahrten nach Helgoland im Herbst, wenn die Nordsee dunkelblau und bedrohlich grau ist und das Schiff in den Wellen schaukelt. Oder an Wintermorgen, auf der Rückreise nach Cuxhaven, wenn die Lichter von Helgoland hinter dem Horizont verschwinden. An warmen Sommerabenden, wenn die See in Rot und Violett getaucht ist, hat sogar Cuxhaven etwas Karibisches.

Heute ist die See platt wie eine Finkenwerder Scholle. Ein paar Kutter tuckern vorbei und haben die Netze draußen. Segelboote dümpeln im milchigen Grau. Eine große Möwe lässt sich nicht abschütteln und folgt unserer Fähre. Dann passieren wir Helgoland Reede, auf der die großen Frachter darauf warten, in den Hamburger Hafen einlaufen zu dürfen.

Kleine Flucht auf den Roten Felsen

Der Schiffsmotor brummt (die MS Helgoland fährt, das sollte man erwähnen, mit umweltfreundlichem LPG-Gas), und an Deck dösen die Passagiere durch den Morgen. Eine Reise rüber nach Helgoland ist wie eine kleine Flucht. Alles, was einen beschäftigt am Alltag, scheint so weit weg, sobald die Leinen losgeworfen werden.

 

Mir geht es eigentlich immer so, wenn ich ans Meer komme. Sobald ich das erste Mal über die Düne komme und die Wellen sehe, ist es, als drücke man den großen „Pause-Schalter“. Ich denke, dass es fast allen Menschen so geht, die immer wieder ans Meer fahren oder davon träumen. Langweilig? Niemals.

Die neue Kolumne über das Meer

Von der Sehnsucht für die See soll diese Kolumne handeln. Von großen und kleinen Geschichten mit Salzwasser. Von Kapitänen, Maschinisten und Matrosen. Von der Nordsee und der Ostsee, von Deutschlands Inseln. Geschichten aus den Häfen von Hamburg und Bremerhaven, vom Tresen der Haifisch Bar oder dem Geländer der Alten Liebe. Ab heute jeden Samstag in der MOPO und abends dann hier bei uns Ankerherz Blog.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland.  

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