Stefans Geschichten vom Meer: Shanty-Boom und Wellerman

Shanty-Boom und Wellerman. Wie es ein altes Seemannslied von 1860 auf Platz 1 der deutschen Charts schaffte. Darum geht es in einer neuen Folge von Stefans Geschichten vom Meer.

Dieses moderne Märchen, in dem ein junger schottischer Postbote zum Popstar wird und die halbe Welt plötzlich alte Seemannslieder singt, beginnt im letzten Shutdown-Sommer. Es beginnt ganz leise. Nathan Evans, 26, kommt von seiner Morgenrunde in der Kleinstadt Airdrie nach Hause. Er lädt einen Shanty auf seiner TikTok-Seite hoch. Tik-Tok, das ist diese Mitmach- und Kasper-App, die bei Jugendlichen so beliebt ist. Evans folgen zu diesem Zeitpunkt etwa ein Dutzend Leute.

Im Februar 2021, während diese Kolumne erscheint, steht das Lied auf Platz 1 der deutschen Charts, nachdem es auf Platz 2 der britischen  Hitparade rangierte. Die Seite des Postboten zählt sechs Millionen Likes. Ständig rufen ihn Journalisten an und sogar der R&B-Star John Legend lobte ihn. Der Hashtag „seashanty“ verzeichnet mehr als 83 Millionen Treffer und es gibt inzwischen ein eigenes Genre, „Shanty-Tok“ genannt.

Ein Hit aus 1860

Der Chart-Hit des Postboten heißt „Wellerman“. Ursprünglich stammt das Lied aus dem Jahre 1860.

Inhaltlich geht es darin um das Fangen und Zerlegen von Walen.

Wie bitte konnte daraus ein globales Phänomen der Pop-Kultur werden?

Shantys waren mal wirklich wichtig, also nicht auf Tik-Tok, sondern im echten Leben, wo man sich die Hände schmutzig macht. In einer Zeit ohne Maschinen und Hydraulik bedeutete Arbeit an Deck der großen Segelschiffe Maloche. Besonders dann, wenn Anker gehoben oder Segel gesetzt werden mussten. Wenn es darum ging, dass die Crew buchstäblich an einem Tau zog. Mit Gesang ging dies harmonischer – und es war auch gut für die Moral an Bord. Das Leben an Bord der Großsegler war bei miserabler Verpflegung, Enge und permanente Gefahr nie vergnügungssteuerpflichtig.

Also stimmte der „Shantyman“ ein Lied an, sang laut durch den Wind und das Rauschen der Wellen, und die Crew antwortete ihm im Takt. Schottische Walfänger sangen, Hafenarbeiter in der Karibik, Matrosen auf den großen Teeklippern, die nach Asien segelten. Als die Kraft der Dampfmaschinen die Kraft des Windes ersetzte, ließ der Fortschritt den Gesang an Bord verstummen. Auch in den Hafenkneipen ist es schon lange still.

Heute sind Seeleute in den Mannschaftdienstgraden mies bezahlte Industriearbeiter. Sie stammen aus Billiglohnländern und sind mit Arbeitsverträgen ausgestattet, die manchen an eine moderne Form des Manchesterkapitalismus erinnern. Die Seeleute von heute suchen nicht den schnellen Schnaps und schnelle Liebe – sie suchen kostenloses Wifi.

Der Siegeszug des Wellerman

Dass nun Millionen Menschen überall auf der Welt in der Corona-Zeit ausgerechnet Seemannslieder anstimmen, das liegt am Element des Archaischen. Weit draußen auf See zu sein, im Angesicht eines aufziehenden Sturms – so fühlt sich das doch gerade für viele im Dauer-Shutdown an. Schiefe Töne? Gerne! Dies alles ist so bodenständig, so authentisch und ehrlich und passt in Monate, in denen sich viele einsam fühlen. Alle sitzen in einem Boot, alle ziehen an einem Tau – zumindest für die Länge eines Wellerman.

Zur etwas bitteren Ironie dieses Erfolgs gehört, dass sich an der Lage der Seeleute noch immer kaum verbessert hat. Während die Welt Seemannslieder trällert, sind mehr als 400.000 Crewmitglieder in Häfen oder an Bord von Schiffen gestrandet. Daran änderten auch Appelle von Papst Franziskus, Vereinten Nationen, Europäischer Union und den Chefs der größten Lebensmittelkonzerne der Welt nichts.

Ob die Seeleute, die seit vielen Monaten ihre Familien nicht gesehen haben, einen „Wellerman“ singen? Ganz bestimmt nicht.

Der schottische Postbote, mit dem alles begann, ist übrigens kein Postbote mehr. Er hat einen Vertrag bei einer großen Plattenfirma unterschrieben.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet den Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland.

Jeden Donnerstag um 21 Uhr sendet Radio Ankerherz die Shanty-Sendung „Shantyman“. Hört rein! www.radioankerherz.de

 

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