Stefans Geschichten vom Meer: Suezkanal und ein Tag voller Fake-News

Suezkanal und ein Tag voller Fake News. Warum erkennen die meisten Leute sofort einen Aprilscherz – wenn so viele den absurdesten Fake News Glauben schenken? Stefans neue Geschichte vom Meer handelt von einer gefährlichen Waffe namens Desinformation.

Jedes Jahr freuen wir uns am 1. April auf ein Ritual bei Ankerherz. Wir denken uns einen Scherz aus, um unsere Leser und Hörer des Radiosenders in den April zu schicken. Letztes Jahr vermeldeten wir die Entdeckung der Helgoländer „Möbbe“, einer Art fliegenden Robbe. Die Fotoshop-Kreation (danke, Anja Zervoß!) wirkte so echt, dass es tatsächlich Rückfragen gab, wo man die Möbbe denn auf der Insel finden könne.

Es ist eine Sensation: Das erste Foto der legendären Helgoländer Möbbe. Foto: Anja Zervoß

 

In diesem Jahr ließen wir den Roten Felsen näher ans Festland schleppen. Der Inselverwaltung war es demnach gelungen, die niederländischen Bergungsexperten, die im Suezkanal die „Ever Given“ freibekamen, für das Projekt zu engagieren. Wir zitieren den Bergungsexperten Thijs van de Brocken mit den Worten „Wenn wir das bei dieser Ever Given geschafft haben, ist das ein klein Ding“.

Eine U-Bahn nach Helgoland

Auf unseren Social Media-Kanälen wurde die Idee der mobilen Insel sofort mit dem speziellen Datum verbunden. Ein Freund erkundigte sich, ob sich damit die geplante U-Bahn aus Cuxhaven erledigt habe.

Ich fragte mich nach der Auflösung: Wenn es mühelos gelingt, am 1. April Fake-News zu identifzieren – warum sorgen dann so viele andere erfundene Nachrichten für enorme Unruhe?

Verglichen mit dem, was im Falle der „Ever Given“-Havarie im Suezkanel verbreitet wurde, geht die Abschleppaktion von Helgoland beinahe als seriöse Geschichte durch. Frauenhasser verbreiteten, die erste weibliche Kapitän in der Geschichte Ägyptens sei Schuld am Unglück. Hunderte Beiträge mit manipulierten Fotos sollten belegen, dass Marwa Elselehdar für den Unfall verantwortlich sei. Die Fake News -Kampagne wurde so schlimm, dass sich die junge Pionierin selbst zu Wort meldete.

Sie arbeitet derzeit auf einem Leuchtturm-Tender.

Fake-News sind gefährlich

In anderen Beiträgen, die sich hunderttausendfach verbreiteten, war davon die Rede, dass es sich nicht um ein Unglück, sondern um eine „geplante Aktion“ gehandelt habe. Ziel, so raunen die Autoren dieser Verschwörungs-Postings: Produktionsketten sollen gesprengt, unsere Industrieproduktion lahmgelegt, Chaos erzeugt werden. Die Rede war von einer „gezielten Katastrophe“, die alles zum Erliegen bringen werde – aber, so schließen die Apokalyptiker – so etwas müsse eben passieren, „um das alte System zu Fall zu bringen.“

Klar, das System.

Was natürlich nichts anderes ist als schlimmer Weltuntergangs-Stuss, der Menschen vor allem Angst machen soll. Der Menschen in einer neuen Pandemie, in der die Nerven angespannt ist, weiter verunsichert. Was bezwecken Leute, die solches Verschwörungszeug verbreiten? Vielleicht gibt es ihnen das Gefühl, wichtig zu sein. Vielleicht haben sie eine Agenda. Denn mit Fake News Verunsicherung zu schüren, mit Ängsten zu spielen – das lässt sich politisch nutzen.

Verunsicherung in der Pandemie

Die Methoden der Fake News – Erfinder sind immer wieder gleich. Sie nehmen ein Ereignis und ein paar belegbare Fakten – die Glaubwürdigkeit geben – und mixen das Ganze mit Überhöhungen und Ängsten. So entstanden Theorien von einer „Umvolkung“, vom QAnon-Widerstand gegen geheime Weltmächte und Donald Trump als Retter. Absurder Blödsinn für Leute, deren Kalender ein einziger, bösartiger 1. April ist.

In dieser Woche wurde der Hamburger Verfassungsschutzbericht vorgestellt. Ein Punkt: die Zunahme gezielter Desinformationskampagnen, die sich auch gegen Unternehmen oder einzelne Personen richten können. Sie sollen die Bevölkerung verunsichern, vor allem in einer Pandemie. Abseits von Aprilscherzen sind Fake-News eine Waffe. Wenn beispielsweise das Vertrauen in Impfstoffe oder das Funktionieren von Institutionen untergraben wird, wird es gefährlich.

Wir leben in einer bedrückenden Zeit. Die Sorge, die wir uns angesichts der Dritten Corona-Welle machen sollten, reichen aus.

Erfundene Ängste? Brauchen wir nicht auch noch.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet den Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Gerade erschien sein neues Buch „Helden der See“.

 

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