STURMFLUT 1962 – Überleben auf den Halligen

STURMFLUT 1962: Wellenbrecher

In dieser Nacht tobt die größte Sturmflut seit einem Jahrhundert. Auf der Fähre, die vor Hallig Langeneß den Orkan abwettert, fürchtet man das Schlimmste. Als sich der Sturm legt, geht der Überlebenskampf auf den Halligen weiter: Inmitten der Wasserwüste drohen die Eingeschlossenen zu verdursten. Die Fähre von August Jakobs wird zum Rettungsboot.

Eine Geschichte aus unserem Bestseller WELLENBRECHER.

Einen Fensterrahmen erkenne ich im Licht des Scheinwerfers, dann eine Tür, auch ein Schrank treibt an unserer Fähre Amrum vorbei. Ich mache mir Sorgen: Wenn die See sogar Türen abgerissen hat, sind die Bewohner der Halligen in Lebensgefahr. Das Meer hat die Warften überspült, künstlich aufgeworfene Hügel, auf denen Häuser und Ställe zum Schutz vor Hochwasser stehen. Ich beobachte die See durch mein Fernglas und bin darauf gefasst, dass sich an einen der Balken ein Mensch klammert. Es ist Samstag, der 17. Februar 1962, kurz vor zwei Uhr morgens, als die Sturmflut eine Stärke erreicht, die noch keiner von uns erlebt hat.

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Eine Legende auf Amrum: Kapitän Jakobs. // Foto: Achim Multhaupt

Die Nacht leuchtet seltsam hell, nur gelegentlich verdeckt eine Wolke den Mond. Mir sind die Silhouetten der Warften vertraut, ich bin ein Sohn der Halligen, hier kenne ich jedes Haus und jeden Stein. Mir scheint, als fehle ein Teil der Peterswarft. Ist das Haus eingestürzt? Brecher branden zwischen den Häusern von Hilligenlei hindurch, treffen auf die Wellen in Leeseite und steigen zu Fontänen auf. Ich schätze, dass einige der Wassersäulen mehr als 15 Meter hoch sind. Es sieht gespenstisch aus und Furcht einflößend, es scheint, als wolle das Meer dieses kleine Stück Land namens Langeneß verschlingen.

Die größte Sturmflut seit mehr als hundert Jahren.

Meine Fähre Amrum, 33 Meter lang und gebaut für 250 Passagiere, läuft mit »langsamer Kraft voraus«, ich habe beide Anker fallen lassen. An Bord sind Steuermann Heinrich Callsen, ein erfahrener Seemann, sowie mein Neffe Hans Erich Bradhering. Wir können nicht mehr tun, als den Sturm abwettern und bereit sein, Menschen aus Seenot zu retten. An Bord sind 18 Passagiere, die zu ihren Familien auf die Halligen und nach Amrum zurückwollen. Alle sind ruhig, nur eine Frau verliert die Nerven, schreit und schimpft und macht die anderen Fahrgäste mit ihrer hysterischen Art so nervös, dass ich die Brücke verlasse. Als sie nicht zuhören mag, sage ich: »Schluss jetzt! Oder Sie kommen in den Kettenkasten.« Der Kettenkasten hat keine Fenster, ist feucht und nicht sonderlich bequem. Fortan herrscht Ruhe an Bord.

Die Wellen: ungewöhnlich hoch

Schon seit Tagen ließ Sturmtief »Vincinette«, das vom Nordmeer Richtung Deutsche Bucht schob, nicht nach, wütete mit zehn Beaufort und viel mehr. In der nördlichen Nordsee konnten Messgeräte an Bord eines Forschungsschiffs die Windstärke nicht mehr erfassen. Am Nachmittag des 16. Februar drehte der Wind auf Nordwest, was bedeutete, dass die nächste Flut besonders viel Wasser bringen würde. Ich hatte den Hafen von Schlüttsiel auf dem Festland verlassen, weil ich fürchtete, dass der Sturm mein Schiff an die Kaimauer drücken könnte. Regen und Hagel schlugen in Böen auf die Brückenfenster der Amrum ein; gegen Abend hörte der Niederschlag auf, doch der Sturm wuchs zum Orkan an, Beaufort zwölf. Wie furchtbar sich die Lage entwickelte, bemerkten wir kurz nach 22.00 Uhr. Eine Kanne trieb vor dem Bug der Amrum in den Wellen, eine große Milchkanne, auf der ich deutlich das Wort Hilligenlei erkennen konnte. ›Mein Gott‹, dachte ich, ›noch drei Stunden bis zum Hochwasser und das Meer hat schon jetzt die Warft überspült.‹

Sturm auf dem Südatlantik

Brecher schlagen gegen den Bug der Fähre, die vom brüllenden Orkan hin und her geworfen wird wie ein Badeentchen in einem Whirlpool. Es ist nicht immer leicht, das Schiff stabil zu halten und dafür zu sorgen, dass es nicht quer zur See kommt. Zu einer kritischen Situation kommt es westlich von Langeneß, auf dem sogenannten Schweinsrücken, der wegen einiger Untiefen als gefährliche Zone bekannt ist. Eine Böe nimmt uns mit starkem Regen kurz die Sicht und drückt uns in das Brandungsgebiet hinein.

Fünf bis sechs Meter gehen die Wellen hoch, im Wattenmeer ungewöhnlich und für unsere kleine Fähre gefährlich. »Bleib ruhig!«, rufe ich meinem Neffen Bradhering am Ruder zu. »Den Bug gerade in die Wellen halten!« Dann nehme ich Fahrt aus dem Schiff, genau so viel, dass die Amrum noch steuerfähig bleibt. Beidrehen können wir nicht, denn dann würde uns ein Brecher umkippen. Wir laufen mit langsamer Fahrt gegen den Orkan und ich hoffe, dass er uns zusammen mit der Strömung wieder aus der Brandungszone drückt. Das Manöver gelingt. Nach 20 Minuten ist die größte Gefahr überstanden. Nun ankern wir unter Langeneß, liegen auf Strom und Wind, wie man in der Sprache der Seefahrer sagt, und ich mache mir um unser Schiff keine Sorgen. Für die Bewohner der Halligen, die in ihren Häusern unter Reet ausharren, geht es hingegen darum, den nächsten Morgen zu erleben.

Werden die Warften dem Zorn der Nordsee standhalten?

Sturmfluten sind Teil des Lebens

Sturmfluten gehören nicht zum Alltag, aber sie sind ein Teil des Lebens, wenn man auf einer Hallig aufwächst. Wer in den Uthlanden, im Land vor den Deichen, wohnt, der weiß, was es heißt, wenn das Meer wütend wird. Zu meinen ersten Erinnerungen gehört, dass ich, ein drei Jahre altes Kind, an der Hand meiner Mutter Richtung Warft eile, im August 1923, in einem schweren, unerwarteten Sommersturm, der die Bewohner von Hallig Langeneß überrascht hatte. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig und ich weiß noch, dass wir die letzten Meter schwammen. Wir Kinder freuten uns, wenn »Land unter« auf der Hallig war, denn es bedeutete einige Tage schulfrei. Bevor das Wasser kam, galt es noch, die Rinder und das kostbare Heu zu sichern. Dann warteten wir ab, bis der Sturm vorüberzog, zündeten Petroleumlampen an (die Errungenschaft der Elektrizität erreichte die Inseln erst Weihnachten 1954), wärmten uns am Feuer, das wir mit »Ditten«, mit getrocknetem Kuhdung, brennen ließen.

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1931, am 6. Januar, um genau zu sein, waren meine Eltern zur Geburtstagsfeier meines Onkels auf dem anderen Ende der Hallig gegangen, als ein Sturm über die Inseln fegte und ihnen den Rückweg abschnitt. Ich, damals elf Jahre alt, kochte meinen Geschwistern eine heiße Milch, erzählte ihnen zur Beruhigung eine Geschichte und kümmerte mich darum, dass die Tiere genug Heu bekamen. Am nächsten Mittag kamen meine Eltern zurück. So leicht bringt auch einen kleinen Friesen nichts aus der Ruhe. Einige Jahre später machte ich mir einen Spaß daraus, mit einem kleinen Boot, das mir mein Großvater geschenkt hatte, in einer abebbenden Sturmflut zur Hauptwarft Hilligenlei zu segeln, um meinen Lehrer zu fragen, wann der Unterricht wieder begann.

Diese Sturmflut ist anders

Diese Sturmflut aber ist anders, sie ist heftiger als alles, was ich bislang erlebt habe. Als der neue Tag dämmert, lässt der Orkan nach, weht noch mit Stärke elf, dann mit zehn. Wir können sehen, dass der Sturm die Peterswarft zerstört hat. Ich lasse die Anker hieven und nehme auf Bitten der Passagiere, die nach ihren Familien sehen wollen, Kurs auf die Hochwasserbrücke der Rixwarft. Mit einigen Schwierigkeiten machen wir fest. Die Warft sieht aus wie nach einem Luftangriff: In den Hausmauern und Dächern klaffen Löcher, teilweise sind sie eingestürzt; Zäune hat der Sturm fortgerissen, von den Beeten und den Wegen ist nichts übrig und vor den Häusern liegen Felsen, die von der Brandung aus den Uferböschungen geschlagen wurden. Wie kleine Kieselsteine hat der Sturm die schweren Brocken angespült. Niemand ist zu sehen. Sind die Bewohner rechtzeitig geflohen?

Ich eile mit den Frauen zurück an Bord und versuche erneut, die Warft Hilligenlei über Telefon zu erreichen. Zum Glück gelingt es endlich, eine Verbindung herzustellen. »Die Bewohner der Rixwarft haben sich bei ablaufendem Wasser zu uns durchgeschlagen«, höre ich. Ein junges Ehepaar mit einem wenige Monate alten Baby hatte die Nacht, nachdem ein Teil ihres Hauses eingestürzt war, unter Todesangst in einem Heuschober ausgeharrt. Am Morgen brachen sie auf, um mit dem Baby durch das brusttiefe Wasser zu waten und die benachbarte Warft zu erreichen, auf der die Eltern der Frau wohnten. Doch auch von diesem Haus war nur eine Ruine übrig. »August, die ganze Familie traf sich im Haus deiner Mutter wieder«, erfahre ich, »alle sind wohlauf.«

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Für einen Moment spüre ich Erleichterung, denn ich weiß: Meine Eltern haben ein gutes, ein starkes Haus, das auf einer ehemaligen Kirchenwarft neu errichtet worden war. Die Obdachlosen sind dort in Sicherheit. Ich würde meine Mutter gerne besuchen, doch wir müssen Langeneß gegen Mittag wieder verlassen, wegen der nächsten Flut. Wir legen ab und ankern in der Nähe. Immer wieder telefoniere ich, um mir ein Bild der Lage zu verschaffen. Die meisten Leitungen funktionieren nicht mehr, doch was ich herausfinde, klingt einigermaßen ermutigend: Niemand scheint auf Hallig Langeneß ums Leben gekommen zu sein. Im Falle der alten Frau Lorenzen von der Warft Süderhörn grenzt es beinahe an ein Wunder. Sie telefonierte, als die Holzwand, an der das Telefon hing, unter dem Druck des Wassers einstürzte. Ihr Mann, ihr Dackel und sie kletterten über die Trümmer ins Freie und stiegen über eine Leiter auf den Boden, wo sie festsaßen, als die Leiter weggespült wurde. Nachbarn befreiten sie.

Ich gebe die Neuigkeiten über UKW an den Leiter der Küstenfunkstelle durch, der mir berichtet, dass die Lage in Hamburg außer Kontrolle ist und Deiche gebrochen sind. Es ist nicht möglich, eine Verbindung in die Großstadt zu bekommen. Wie schwer die Sturmflut zugeschlagen hat, dass 340 Menschen starben und Tausende obdachlos sind, davon ahnen wir noch nichts. Um 16.00 Uhr, als Hubschrauber der Bundesmarine über den Halligen kreisen, gebe ich das Kommando »Anker auf!« und steuere erneut die Hochwasserbrücke an, um den Trinkwasservorrat der Amrum abzugeben. Es sind zwar nicht mehr als drei Kubikmeter, was für Dutzende Halligbewohner, die eingeschlossen sind, natürlich nur ein kleiner Schluck ist, aber immerhin. Das Meer ist in Zisternen und Fethinge gelaufen, in denen man den Regen auf den Halligen sammelt. Nun beginnt ein Lauf gegen die Zeit. Mehr als 300 Menschen und 1300 Rinder benötigen Wasser, inmitten der Wasserwüste.

Meine Fähre wird zum Rettungsboot

Sonntag, 18. Februar, 8.00 Uhr. Nach wenigen Stunden Schlaf werfen wir im Heimathafen Steenodde die Leinen los, um in Schlüttsiel Feuerwehrmänner an Bord zu nehmen. Es ist ein sonniger Tag. Der Orkan ist zu einer Brise abgeflaut und das Wattenmeer schimmert in einem freundlichen Licht. Kaum zu glauben, dass Stunden zuvor ein Inferno tobte. Wir laufen Hallig Gröde an, um einen Löschzug abzusetzen; am Anleger wartet bereits eine verzweifelte Gruppe Halligbewohner: »Hast du Wasser für uns?«, fragen sie. »Ich komme heute Abend wieder«, antworte ich. Zuerst muss die Feuerwehr das Salzwasser aus den Reservoirs pumpen. Nachdem auch auf Langeneß Feuerwehrleute an Land gegangen sind, laufen wir mit voller Fahrt zurück Richtung Festland. Aus der Fähre Amrum wird in den nächsten Tagen ein Rettungsboot. Und ein Aushilfstanker, denn ich lasse die Ballasttanks, die ich fluten kann, um das Schiff im Sturm zu stabilisieren, mit Süßwasser befüllen. Für Rinder ist es nicht schlimm, wenn das Wasser nicht die allerbeste Qualität hat; das Trinkwasser für die Menschen transportieren wir in Tanks an Deck.

Die Amrum ist das erste Schiff, das die Halligen nach der Sturmflut mit dem dringend benötigten Nachschub anläuft. Viele andere Schiffe sind in den Häfen gesunken oder vom Sturm vertrieben worden. Notdürftig werden die Bewohner daher aus der Luft versorgt, doch die Wassermengen, die Hubschrauber tragen können, reichen bei weitem nicht aus. Als wir auf Langeneß eintreffen, können wir wegen der Ebbe nicht festmachen; also setzen wir ein Schlauchboot aus und bringen Schläuche hinüber, durch die wir das Wasser auf die Hallig pumpen.

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Ich setze mit einem Schlauchboot über zur Kirchenwarft. Schweigend schließe ich meine Mutter in die Arme. Wir gehen hinüber zum ehemaligen Pastorat, meinem Geburtshaus, das mehr als 300 Jahre lang allen Stürmen trotzte. Noch nie hat das Meer das alte Haus erreicht, bis gestern Nacht, als ein Brecher die Nordseite einschlug. Noch zwei Räume sind bewohnbar. In einigen Häusern schwappt noch die Nordsee, teilweise steht sie einen Meter hoch. Sämtliche Zäune und Wege sind zerstört, von Schuppen hat der Sturm einzelne Bretter übrig gelassen, die Gärten sind Schlammfelder. Auf einem liegt das Wrack eines kleinen Frachters, Hunderte Meter neben dem Anleger; die Sturmflut hat das tonnenschwere Schiff wie ein Papierboot abgesetzt. Auf dem alten Friedhof steht kein Grabstein mehr an seiner Stelle, wie ich mit einem Kloß im Hals feststelle. Viele Gedenktafeln hat das Meer mitgerissen.

Dunkelheit legt sich über die Hallig, als wir mit der Amrum ablegen und Richtung Festland laufen, wo ich die Mannschaften der freiwilligen Feuerwehr absetze. Die Männer sind völlig entkräftet von den Aufräumarbeiten. Es gilt, die Häuser notdürftig zu sichern, das Wasser abzupumpen und die Wege wieder nutzbar zu machen. Für uns geht die Fahrt weiter, mit dem versprochenen Frischwasser zur Hallig Gröde. Die Bewohner warten bereits auf uns und haben Behälter herangetragen, vom Kanister bis zur Kaffeekanne. Wie ich höre, ist Postinspektor Mielke dabei, das einzige Telefon des Eilands zu reparieren. Um 2.15 Uhr verlassen wir Hooge und nehmen Kurs auf Amrum, um drei Stunden zu schlafen.

Die Solidarität der Halligbewohner

Montag, 19. Februar. Was mir Mut macht, ist die Solidarität der Halligbewohner. Sie nehmen obdachlose Nachbarn auf, sie teilen ihre letzte Nahrung und das letzte wenige Wasser. Sie machen sich gegenseitig Mut, im Angesicht von Verwüstung und Not. Es ist ein guter Geist, eine Form von Trotz zu spüren, auch wenn alles, was man der Natur mühevoll in vielen Generationen abgerungen hat, nun unter Wasser oder in Trümmern liegt. Ohne Pause transportieren wir mit der Amrum Angehörige und Helfer hinüber, Wasser, Feuerwehrpumpen, Fässer mit Benzin, Schläuche, Schaufeln und Spitzhacken. Am Nachmittag nehmen wir sieben Rinder aus einem zerstörten Stall bei der Rixwarft auf, was nicht einfach ist, denn die Tiere sind hungrig und verstört und die Fähre ist kaum zum Viehtransport geeignet.

Gegen Mitternacht machen wir auf Amrum fest, doch niemand geht von Bord. Ich habe mich entschlossen, neben dem Katastropheneinsatz auch den normalen Fähreinsatz wieder aufzunehmen, soweit es möglich ist. Wir müssen die Halligbewohner verlässlich hin und her bringen – wir sind die Brücke zu den Inseln. Unser Fahrplan gibt ihnen ein wenig Normalität zurück, und das ist wichtig, auch für ihre Zuversicht.

Natürlich ist seit Tagen keine Zeitung eingetroffen, Radiosender und Fernseher funktionieren nicht, weil die Stromleitungen unterbrochen sind. Von Helfern, die in Schlüttsiel am Anleger warten, erfahren wir, wie entsetzlich Hamburg und Bremen, aber auch der Rest des Nordens von der Sturmflut heimgesucht wurden. Und doch: Die Hilfsbereitschaft macht uns Mut. Spenden aus der ganzen Republik und sogar aus Bayern treffen ein, Decken, Betten, Lebensmittel, Lastwagen voller Hilfsgüter. Im Wattenmeer unterstützen sich die Menschen, wie ich es noch nicht erlebt habe. Alle helfen, alle packen an. Tonnenleger sind als Tankschiffe im Einsatz, Fischkutter werden zu Pendelfähren für Feuerwehrleute.

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Dienstag, 20. Februar, am Vormittag. Ich setze die Amrum absichtlich auf Grund und warte auf Ebbe, um zu sehen, warum die Fähre gestern vorübergehend nicht manövrierfähig war. Ein zähes Gemisch aus Strandhafer, Faserwurzeln, aus Seetang und Heu hat die Schraube verklebt. Außerdem ist sie von Steinen beschädigt worden, aber ich bin froh, dass wir, nachdem wir die filzartigen Klumpen mit Hammer und Meißel abgeschlagen haben, wieder einsatzbereit sind. Wir transportieren einen Feuerwehrwagen zur Hallig Langeneß, außerdem neue Jauchetonnen, die man zu Wasserfässern umfunktioniert, sowie zwei große Behälter, in denen die Meiereien sonst angelieferte Milch sammeln. Sie werden direkt am Anleger aufgestellt, damit wir schneller unsere Tanks lenzen können. Aus den Behältern versorgen sich die Halligbewohner in den nächsten Wochen mit Frischwasser.

Die Gefahr, im Meer zu verdursten

Zwar ist es den Feuerwehren gelungen, das Meereswasser aus Fethingen und Zisternen zu pumpen, doch noch immer haben die Halligbewohner nicht genug Süßwasser, um ihre verschlammten Häuser zu reinigen, die salzverkrustete Kleidung zu waschen oder das Vieh regelmäßig zu tränken. Zumindest besteht für keinen Menschen die Gefahr zu verdursten, dies ist die gute Nachricht. Als die Trinkwasserabgabestelle in Schlüttsiel nicht in ausreichenden Mengen produzieren kann, kommt mir eine Idee: Wieso nehmen wir nicht das Wasser aus dem Kanal hinter der Schleuse? Proben ergeben, dass es für die Rinder verträglich sein sollte. Ich erkläre meinen Plan, worauf man die Schleusentore, die den Hauke-Haien-Koog vom Wattenmeer trennen, für unsere Fähre öffnet.

Samstag, 24. Februar. Ich muss den Fahrplan, den wir zumindest an den Vormittagen einzuhalten versuchen, streichen, denn wir werden heute zu einer friesischen Ausgabe der Arche Noah. Lastwagen voller lebender Spenden – darunter Kälber, Ferkel, Hühner und ein Zuchtschwein – haben die Bewohner der Ostseeinsel Fehmarn für die Menschen von Hooge geschickt. Organisiert hat die Hilfsaktion ein ehemaliger Halligpastor, der nun auf Fehmarn tätig ist. Auf dem Sonnendeck verteilen wir eine Lastwagenladung Pressstroh, bringen die gackernden und grunzenden Passagiere zwischen Feuerwehrleuten unter und nehmen Kurs auf Hooge. Doch wir kommen zu spät: Der Wasserstand lässt nicht zu, dass wir anlegen. Ich drehe bei und laufe Langeneß an, wo die Feuerwehrleute sehnsüchtig erwartet werden, als Ablösung an den Pumpen. Weil sich das Wetter verschlechtert und die Tiere nicht nass werden dürfen, erobern nun 200 Hühner den Salon. Auf der Herrentoilette bindet man die Kälber an und die Schweine ziehen vom Sonnendeck aufs Vorschiff um, in ein Schutzlager aus Heuballen. Der Ostwind nimmt weiter zu, bis Stärke acht. Für alle, die hinter den aufgeweichten Deichen entlang der Nordseeküste bangen, ist dies ein Geschenk, denn das Wasser wird von der Küste weggedrückt. Zehntausende Helfer und Einheiten der Bundeswehr sind dabei, die Dämme provisorisch zu reparieren. Jede kleine Sturmflut kann zur nächsten Katastrophe führen.

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Ich mache mit dem schwimmenden Zoo auf Amrum fest, laufe um 3.45 Uhr wieder aus und wir erreichen nach einer Stunde Sturmfahrt die Hallig, wo wir es unter Mühen schaffen, an der Hochwasserbrücke festzumachen. Vier Stunden dauert es, die Tiere und alle anderen Spenden an Land zu bringen, denn die Wege sind völlig aufgeweicht. Selbst Traktoren kommen auf den Schlammpisten kaum voran. Wir warten auf das Hochwasser und laufen zurück nach Amrum. Der nächste Einsatz steht bevor.

Die Bilanz der Sturmflut 1962: Erschreckend

Elf der 117 Häuser auf den Halligen hat die Sturmflut zerstört, 84 weitere sind stark beschädigt. Auf Hooge ziehen die meisten Bewohner in Notunterkünfte um, in Baracken des Roten Kreuzes, und haben wieder mit der Natur zu kämpfen. Nach dem Sturm kommt der Frost. Es ist kalt, es weht ein eisiger Wind und die Schläuche, mit denen das Wasser auf die Halligen gepumpt wird, drohen einzufrieren. Bevor die Situation kritisch wird, steigt die Temperatur zum Glück über den Gefrierpunkt.

Am Montag, den 5. März, fahre ich meinen letzten »offiziellen« Katastropheneinsatz. Noch Monate wird es dauern, bis alle Schäden auf den Warften beseitigt sind, bis man die Häuser und Ställe wieder aufgebaut hat, bis es in den Gärten wieder blüht und das Vieh auf den Feldern weiden kann. Was mich beeindruckt, ist die Haltung der Halligbewohner, die nicht viele Worte verlieren, sondern mit trotziger Beharrlichkeit ihren Alltag meistern. Sie geben nicht auf. Niemand gibt auf. Das Leben auf den Wellenbrechern geht weiter.

 

Kapitän August Jakobs, Jahrgang 1920, wuchs als Sohn eines Seemanns auf der Hallig Langeneß auf. Weil er als Jugendlicher an Gelenkrheumatismus erkrankte, wurde er nicht zum Militärdienst eingezogen, besuchte stattdessen die Seefahrtschule in Hamburg, die er als 20-Jähriger mit dem Patent für die große Fahrt verließ. Jakobs wurde einem Versorgungsschiff zugeteilt. Sein erster Dienstgrad: Zweiter Offizier. Er überlebte die Versenkung seines Frachters vor Norwegen und brachte seine Familie mit dem Fang von Makrelen durch die Nachkriegsjahre. 1951 gründete Jakobs, der für seinen trockenen Humor und seine Fröhlichkeit bekannt ist, mit seinem Vater eine Reederei, die später mit der Wyker Dampfschiff-Reederei (W.D.R.) fusionierte. Bis 1983 steuerte Jakobs Fähren und Ausflugsschiffe durchs Wattenmeer; fünf Jahre lang war er Bürgermeister der Gemeinde Nebel auf Amrum, die ihn wegen seiner Verdienste zum Ehrenbürger ernannte. Jakobs, Vater von fünf Töchtern, lebt mit seiner Frau Gertraud (die er 1943 heiratete) im Dorf Steenodde auf der Nordseeinsel Amrum.

 

Hans Erich Bradhering, Neffe von Kapitän Jakobs und damals Matrose auf der Fähre Amrum, erzählt in diesem Buch ebenfalls eine Geschichte. Die Fähre Amrum fährt heute noch als Ausflugsschiff Hauke Haien durch das nordfriesische Wattenmeer.

 

Als Uthlanden bezeichnen die Friesen Land, das vor den Deichen liegt. Dazu gehören zehn Halligen, die zwischen den Inseln Amrum und Föhr im Norden und Nordstrand im Süden liegen. Wissenschaftler vermuten, dass sie nach der Marcelus-Flut 1362 entstanden, als der Handelsplatz Rungholt und mehrere andere Orte in einer gewaltigen Sturmflut untergingen und Tausende Küstenbewohner den Tod fanden. Am 5. Februar 1825 forderte die »Halligflut« 74 Todesopfer; von 339 Häusern auf den Halligen blieben nur 17 bewohnbar, weshalb viele Menschen nach Föhr und aufs Festland flohen oder nach Amerika auswanderten. Die Halligen spielen als Wellenbrecher eine wichtige Rolle im Küstenschutz.

 

Die Geschichte ist unserem Buch WELLENBRECHER entnommen. Das Buch gibt es überall im Handel und hier bei uns im Shop.

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