TÜTE, unser Mann auf Baltrum. Bootlos

Seit einigen Tagen fühle ich mich wieder wie ein vollwertiger Insel-Mensch. Ich besitze wieder ein Boot, auch wenn es nur leihweise ist. Für einen Festländer mag das merkwürdig klingen, doch jeder Insulaner versteht sofort, was ich meine. Ohne eigenes Boot ist man angeschmiert, zumindest auf Baltrum, wo die Fährpläne nach der hohen Kunst der Verknappung konzipiert werden. Von Baltrum wegzukommen, ist mit den Fahrplänen selbst in der Hochsaison gar nicht so leicht. Wenn die Tochter etwa zum Kiefer-Orthopäden will, wenn ein Zahnarzt-Besuch ansteht, oder wenn einfach ein Handwerker ins Haus muss, weil das Kühlhaus den Geist aufgibt: Alles wird ohne eigene Transportmöglichkeit zu einer logistische Aktion, die Planung erfordert oder eine Hotel-Übernachtung auf dem Festland.

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Ein Boot bedeutet Freiheit. Oder anders ausgedrückt: Ohne sein Boot ist Tüte wie ein Cowboy ohne Pferd.
Mehrere Monate quälte ich mich auf die Fähre. Immer daran denken, bloss nicht den „Insulaner“-Ausweis zu vergessen. Hat man den nicht dabei, muss man den vollen Fahrpreis löhnen, selbst dann, wenn der Kontrolleur einen schon seit Jahrzehnten kennt. Kein „Insulaner“-Ausweis (den der Reeder verteilen darf), keine Ermäßigung. So ist eben die Vorschrift. Die Differenz holt man sich dann artig im Büro der Fährgesellschaft in Neßmersiel ab. Ich sage immer: Jeder Mensch braucht ein Hobby.

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Meine „Bangvörnix“, ein Alu-Boot aus Finnland, war in einem schweren Wintersturm abgesoffen und taugt seither nur noch als Mahnmal an der Hafenmauer. Ich gab eine neue Bestellung in Auftrag, doch die verzögerte sich immer wieder. Es ist noch immer nicht fertig, doch die freundliche Firma – die für die Verzögerung nicht verantwortlich ist– lieh mir einen Ersatz. Das Ding heißt „Dornbusch“.

Ich würde auch damit fahren, wenn es „Kuhfurz“ heißt.

Wie wichtig die Option Außenborder ist, zeigten die vergangenen Tage. Willie, Andreas und zwei weitere Gäste unserer Ferienwohnungen kamen aufgeregt zu mir. Sie stammen aus Münster, wo ein Sommergewitter tobte, das Noah in der Bibel nervös gemacht hätte. Ihre Keller waren geflutet. Sie mussten dringend aufs Festland, um die Schäden zu prüfen und zu beseitigen. Ich holte Willie nach verrichteter Aufräumarbeit wieder ab, damit der Familien-Urlaub nicht ebenfalls absoff. Kurz nach 23 Uhr machten wir die Leinen fest –  und morgens um 5 warfen wir sie schon wieder los. Mein Töchterchen Maxim mußte zum Flughafen nach Bremen, eine Gast-Jahr in den USA. Ohne Boot wäre das alles extrem kompliziert geworden.
So freuen wir uns auf ganz entspannte Wochen. Und auch, wenn im Restaurant viel zu tun ist und wir nicht oft dazu kommen: die Sundowner an Bord sind einfach unbezahlbar.

Rettet Münster

Christof „Tüte“ Schmiegel, Jahrgang 1965, gelernter Architekt, ehemaliger Surflehrer, Harley-Fahrer, Johnny-Cash-Fan und Betreiber des „Skippers Inn“ auf Baltrum.

Tüte ist einer von 25 Insulanern, die ihre Geschichte in INSELSTOLZ erzählen. Echte Geschichten von Deutschlands Nordsee-Inseln, hier.

1 comment

Mensch Tüte, Du hast ja so recht. Was für Dich das Boot ist für den gemeinen Festländer sein geliebtes Auto oder Motorrad. Einfach ein Stück Freiheit, für das man aber leider immer mehr bezahlen muss. Die Maut und alle anderen Kosten lassen grüßen. Gruß Andreas
Andreas Lill on Aug 03 2014

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