TÜTE: Mein schönes Inselleben

Heute ist einer dieser Morgen, für die ich mein Inselleben liebe.

Es ist ein klarer Tag, der Himmel weit und nordisch, und ich habe nach dem ersten Kaffee beschlossen, mit dem Boot rauszufahren. Möwen kreischen über unserem kleinen Hafen, als ich die „Banvörnix“ losmache, ein finnisches Arbeitsboot aus Aluminium, sechseinhalb Meter lang. Die Luft riecht nach Salz, nach Seetang, nach Baltrum. Ich schiebe den Hebel nach vorne und beschleunige hinaus auf die See.

Als ich vor einigen Jahren mein altes Leben zurück ließ und aus Westfalen nach Baltrum zog, gab es im Freundeskreis einige, die entgeistert fragten, ob ich noch ganz dicht sei: Auf eine Insel zielen? In die vermeintliche Isolation? Um zu versauern?  So oder so ähnlich hörte ich das immer wieder. Es war mir egal. Ich wollte immer mit dem Meer leben. Das Meer ist meine Heimat. Ich fühle mich nur wohl, wenn das Meer in der Nähe ist. Selbst im Urlaub fahren meine Frau Sandra und ich oft auf eine Insel, dieses Jahr nach Madeira. Vielleicht sind wir ein wenig verrückt, stimmt. Aber wir leben unseren Traum.

Tränen auf der Autobahn

Ich denke, dass viele mit dem Gedanken spielen, den Schritt zu wagen. Aber nur wenige haben Mut, es dann auch zu tun. Wenn die Phase der warmen Gedanken vorüber ist und man sich entscheiden muss. Wie oft ich im „Skipper´s“ von Gästen gefragt werden, ob ich nicht einen Job hätte oder jemanden kennen würde, der einen hat, für zweitausend Euro, für eine Wohnung, das würde doch schon reichen. Meistens bleibt es bei romantischen Gedanken, Träumereien, einer Art gedankliche Flucht. Die Familie, der Job – es passt einfach nicht. Doch der Traum ist schön.

Wir leben nun seit sieben Jahren auf diesem Sandhaufen im Meer. Wir haben nicht einen Tag bereut. Mir tun die Gäste leid, die zur Fähre müssen. Früher, als ich während der Sommersaison als Surflehrer auf Baltrum arbeitete und zurück nach Hagen musste, zum Studium, in die Stadt, zurück in eine Welt, in die ich gar nicht zurück wollte, schlich ich oft mit Tempo 80 über die Autobahn. Schneller ging nicht, weil ich durch die Tränen die Fahrbahn kaum erkennen konnte.

Die „Bangvörnix“ fliegt über das Meer und ich lenke sie hinter dem „Westkopf“, wie der Wellenbrecher nahe der Hafeneinfahrt heißt, nach steuerbord. Ein Kutter kommt näher, die „Urnanus“. Der Fischer heißt Nils, ein großer, gutmütiger Kerl. Ich gehe mit der „Bangvörnix“ längsseits und muss darauf achten, nicht ins Netz zu geraten. Nils eilt nach hinten, kommt mit einer Tüte zurück und reicht sie mir grinsend rüber. Er winkt zum Abschied. Ich nehme Kurs Hafen, mit den frischesten Krabben der Welt. Gleiche mache ich mir einen schwarzen Kaffee, und dann bereiten wir das Frühstück für unsere Gäste vor. Ein perfekter Morgen.

„Tüte“ Schmiegel, Jahrgang 1965, ist gelernter Architekt, ehemaliger Surflehrer, Harley-Fahrer, Johnny-Cash-Fan und Betreiber des „Skippers Inn“ auf Baltrum.

(Aufgeschrieben von Stefan Kruecken)

IN UNSEREM BUCH INSELSTOLZ erzählt “Tüte” mit 24 anderen Insulanern, wie es ist, dort zu wohnen, wo morgens die Dünen glühen und abends kein Schiff mehr geht. In jeder guten Buchhandlung und versandkostenfrei hier bei uns.

2 comments

Ja, so ist das Leben auf Baltrum!! Daher wird der Urlaub auch von so vielen Menschen genossen!!! Auch ich habe schon viele Tränen auf der Baltrum 1-3 gelassen. :-( Am besten entspannen, ausschlaten, den Stress vergessen, gleichgültig werden... das geht nur auf Baltrum, da schon ab Neßmersil die Uhren anders gehen und die Entspannung da ist. Keine andere Insel hat mir je das Erlebnis gegeben. Danke Baltrum, dass es dich gibt!!!!
(Alfred) Markus on Dez 10 2012
Kann man nicht viel zu sagen: viele haben einen Traum - die wenigsten leben ihn! Jack Sparrow, Flachlandpirat
Jack Sparrow on Dez 06 2012

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