TÜTE: Saufen mit dem Nikolaus

Der Winter zieht über die Insel, ein kalter Wind über dem Meer, den Dünen und den Häusern dahinter und genau die Zeit des Jahres, die ich besonders mag.  Es ist einsam auf Baltrum und so melancholisch wie in einem Song von Kris Kristofferson. Meine Frau Sandra und ich sind oft mit dem Hund am Strand unterwegs und begegnen nur selten jemandem. Für mich sind es die Wochen, um den Kopf freizubekommen, bevor die nächste Saison startet.

Gleichzeitig ist die Zeit der Einsamkeit kurz vor Weihnachten die Periode, in der wir am meisten miteinander reden auf unserer kleinen Insel. Wir sind unter uns. Eine Tradition hat sich eingebürgert, der „lebendige Adventskalender.“ Jeden Tag steht eine andere Tür offen, mal in einem Restaurant, in einem Privathaus, in der Bank, beim Sportverein. Von fünf bis sieben schlürfen wir Glühwein und knabbern Gebäck. Gäste sind natürlich willkommen – keiner würde einen Inselgast vor die Tür schieben – aber gerne gesehen sind sie ausnahmsweise nicht. In diesen Wochen kümmern wir Baltrumer  uns zuerst um uns selbst.

Auch der gesellschaftliche Höhepunkt des Jahres fällt in diese Zeit: der „Nikolausball“, stets ausgetanzt am ersten Samstag nach dem Nikolaustag im Saal des Strandhotels Wietjes. Eine Live-Band spielt, Nikolaus schaut vorbei, es gibt etwas zu Essen, Knabbereien und eine Tombola. Wie Feste auf dem Dorf eben so ablaufen. Alle machen sich fein, Sakko und eine gebügelte Hose sind Pflicht, und für die Mädchen auf der Insel ist es meist das erste Mal, dass sie sich herausputzen. Das Besäufnis gehört auch dazu. Im vergangenen Jahr gingen bei mir schon um kurz nach zehn die Lichter aus, ziemlich abrupt und auch der Tresen konnte meinen Fall nicht stoppen, was Sandra ziemlich sauer machte. Ich darf stolz berichten, dass ich 2012 gegen fünf Uhr morgens und auf eigenen Füßen den Ballsaal verlassen habe.

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Monströse Kater

Der Nikolausball erfüllt eine wichtige Funktion im Organismus der Insel. Wir brennen das System frei, wir spülen einmal durch, wir desinfizieren die Seele. Klingt für manchen vielleicht nach Männerprosa, ist aber so. (Die meisten Kerle wissen, wovon ich spreche.) Was sich im Laufe eines Jahres aufgestaut hat, was unausgesprochen blieb, weil man a) keine Zeit für Probleme hatte, b) keine Lust auf Probleme hatte oder man c) weiß, dass sowieso nichts ändert, weil Insulaner in der Regel stur sind wie friesische Brauereipferde, kommt spätestens nach dem vierten Pils zur Sprache: „Hör mal Knut, du Arschloch“, und dann geht es los. Ändert zwar wirklich nichts, aber man fühlt sich besser. Die Luft ist gereinigt, am Tag des monströsen Kopfschmerzes.

In den Tagen danach pflegen alle ihren Kater. Weihnachten kommt näher. Unser „Skipper´s Inn“ macht nach der Winterpause am zweiten Festtag wieder auf. Früher wollen wir nicht, wegen unserer Tochter Maxime. Dann startet die neue Saison, die bis zum nächsten November dauert, ohne Pause.

„Tüte“ Schmiegel, Jahrgang 1965, ist gelernter Architekt, ehemaliger Surflehrer, Harley-Fahrer, Johnny-Cash-Fan und Betreiber des „Skippers Inn“ auf Baltrum.

 (Aufgeschrieben von Stefan Kruecken, Ankerherz)

“Tüte” gehört zu 25 Inselbewohnern aus der Nordsee, die in unserem Buch INSELSTOLZ aus ihrem Leben zwischen Strandkorb und Wellen erzählen. 25 Geschichten von dort, wo morgens die Dünen glühen und abends kein Schiff mehr geht. Überall im Buchhandel und HIER bei uns. Das Hörbuch lasen Axel Prahl & Katharina Thalbach.

 

 

 

 

 

 

 

 

1 comment

Wie recht Du doch hast, lieber Stefan............ICH empfinde es exakt genauso!!! Viele, liebe Grüße vom Wolfgang !
Wolfgang on Nov 17 2015

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