CAPTAIN’S NIGHT: Von der Freundschaft alter Seeleute

Zum Thema Freundschaft unter alten Seeleuten fällt mir eine Episode ein, die in der Hamburger Haifischbar spielt, in einer der letzten Spelunken, die überlebt haben, gleich unten an der Hafenkante. Gert Schlufter, der Wirt des “Hai”, hatte zwei Dutzend Kapitäne eingeladen, die in unserem Buch „Orkanfahrt“ die beste Geschichte ihres Lebens erzählten. Gert hatte Labskaus gekocht, das Astra floss zügig und aus der Musikbox sang Freddy Quinn in Dauerschleife.

Neben mir am Tresen hockte Kapitän Feith und hielt sein Pilsglas fest. Feith ist einer von jener Sorte Kapitän, der jeden Satz mit mehr als drei Worten für überflüssig hält, und wenn er besonders mürrisch schaut, nennt er den Ausdruck das „Dienstgesicht“. Mit einem Mal starrte er zur Tür, als sehe er eine Erscheinung, Hans Albers mit Brüsten oder etwas in der Art. Ein Mann mit blauer Jacke und weißem Bart kam herein.

Wiedersehen nach 50 Jahren

„Mensch… das… gibt’s doch nicht“, stammelte Feith.

Die Männer sahen einander an und fielen sich in die Arme. Kapitän Langowski, so hieß der andere Seemann, hatte vor Rührung feuchte Augen. In den nächsten Stunden konnte man beobachten, wie die beiden Passbildautomatenfotos von Kindern und Enkeln aus ihren Portemonnaies pulten und Biere kippten. Vor fünfzig Jahren waren sie Freunde gewesen, enge Freunde, und hatten sich zuletzt genau hier, in der Haifischbar gesehen.

Es muss in jener Nacht eine furchtbare Prügelei mit der Besatzung eines englischen Fischtrawlers gegeben haben. Am Morgen danach war jeder an Bord eines anderen Schiffes gegangen – der eine fuhr nach Amerika, der andere Richtung Australien, und sie hatten sich nie wieder gesehen. Obwohl sie wussten, dass der andere in Hamburg wohnte. Obwohl es leicht gewesen wäre, einfach im Telefonbuch nachzusehen und anzurufen. Warum nahm keiner Kontakt auf?

Freunschaft bis zum nächsten Hafen

Sie haben die Frage nicht beantwortet, sie taten so, als hätten sie nicht verstanden. Vielleicht gibt es auch gar nichts zu verstehen, denn alte Seeleute, Urmachos ohne Uniform, sind so. Draußen auf See, wenn es manchmal um nichts anderes als ums Überleben ging, wenn der Sturm wütete oder die Ladung verrutschte oder in manchen Häfen Verbrecher das Schiff bedrohten, hielten sie zusammen. Matrosen und Mannschaftsmitglieder noch mehr als Kapitäne, von denen sich die meisten als einsame Seewölfe sehen. „Als Kapitän darf man sich nicht mit der Mannschaft gemein machen, niemals“, sagte Wolfgang Scharrnbeck, eine Legende der Reederei Hapag. Freundschaften? Kameradschaften, bis der letzte Hafen erreicht war.

Aber an Land? Viele Seeleute kommen, wenn sie am Ende ihrer Laufbahn von Bord gehen, nicht klar. Ich kenne einige Kapitäne, die mit den „Landbewohnern“, wie sie heißen, mit deren Unverbindlichkeit, mit den kleinen und großen Hinterfotzigkeiten, keinen Frieden fanden. Ein Kapitän steht jeden Abend auf einem Hochhausdach in Altona und sieht den Schiffen hinterher, die auf der Elbe Richtung Nordsee schieben. Ein anderer, der in einer Plattenbauwohnung wohnte, hörte bis zu seinem Tod jede Minute des Tages den Hafenfunk von Rostock. Ein Kapitän aus Cuxhaven, der den Untergang seines Fischdampfers überlebt hatte, sprach jahrzehntelang mit niemandem darüber, wie ihn der Tod von 27 Kameraden beschäftigte.

“Da muss man alleine durch.”

„Es gibt Sachen, da muss man alleine durch, meint er. Ein anderer Seemann, der sehr jung auf einem Uboot durch den Zweiten Weltkrieg kam, wachte jahrzehntelang jede Nacht schreiend aus Träumen auf, in denen er ertrank. Wenn sich die Kameraden von früher, die er zu seinen Freunden zählt, wieder trafen, sprachen sie über manches. Über das, was sie wirklich beschäftigte, über das, was außer ihnen keiner verstehen konnte, sprachen sie nie.

Ich glaube nicht, dass sich die Kapitäne aus der Haifischbar nach jeder Nacht jemals wiedersahen.

Alles war gesagt.

 

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