Wenn ein Sturm aufzieht – die Frau des Seenotretters

Immer dann, wenn ein Sturm aufzieht, sind die Seenotretter in besonderer Alarmbereitschaft. Doch auch für ihre Angehörigen beginnt eine Zeit, in der die Nerven angespannter sind als sonst. In unserem Buch MAYDAY erzählt Doris Gruben, wie sie mit der Angst umging. Sie verlor ihren Mann Berhard in einem Einsatz an die See. Die Frau des Seenotretters.

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Die Frau des Seenotretters. Doris Gruben verlor ihren Mann an die See. Foto: Enver Hirsch für Ankerherz

 

Die Frau des Seenotretters

“Wenn ein Sturm zum Orkan wird, vibrieren die Fenster an der Seeseite unseres Hauses an der Nordsee. Sie klappern nicht, sondern sie dröhnen, dass es jedes Wort übertönt. Sogar die Vorhänge pendeln hin und her. Ich habe gelernt, trotzdem ruhig zu schlafen. So war es auch in jener Nacht, als Bernd auf See war.

Über die Feiertage waren die Kinder und Enkel zu Besuch, am Abend hatten wir zusammen einen Film gesehen und im Radio eine Sturmwarnung gehört. Dann gingen wir zu Bett. Am frühen Morgen weckte mich ein lautes Klopfen an der Haustür. Als ich im Nachthemd die Klinke herunterdrückte und meinen Schwager vor mir sah, wusste ich sofort, was passiert war: Ich hatte meinen Mann Bernd, die Liebe meines Lebens, an das Meer verloren.

Wir sind hier am Deich aufgewachsen, in Neuharlingersiel. Bernhard, den alle Bernd nannten, hat immer gewusst, dass aus ihm ein Seemann wird. Und weil wir uns schon als Kinder kannten, habe ich nie gefragt, ob das gut oder schlecht ist. Sein Bruder, sein Vater, sein Großvater – alle fuhren zur See, dienten auf dem Rettungskreuzer, machten bei Sturm die Leinen los. So war das eben.

Die Frau des Seenotretters

Bernd fing als Fischer an und wechselte dann auch zu den See­not­rettern, wurde auf Borkum stationiert. Ich kümmerte mich um die Kinder und wartete oft wochenlang, bis er für wenige Tage zurückkehrte. Unser kleines Haus stand etwas außerhalb von Neuharlingersiel, und ich habe mich immer unabhängig gefühlt: von der Dorfgemeinschaft und von meinem Mann, wenn er auf See war. Den Haushalt allein zu führen, fiel mir leicht, denn ich stamme aus einer Handwerkerfamilie und habe mehr gelernt als mancher Schreiner.

Doch Bernds Seemannsgeschichten und sein herzhaftes Lachen, die fehlten mir oft. Dann wanderte ich am Deich entlang, schaute auf die flache, graue See und habe dem Wind meine Sorgen erzählt. Wenn Bernd zurückkam, gingen wir gemeinsam und sangen Seemannslieder, vor allem »Atlantis« von Freddy Quinn, dieses Märchen ist hier am Meer besonders schön.

Angst, dass Bernd etwas zustoßen könnte, die habe ich nicht gekannt. Wäre ich jeden Tag in Sorge gewesen, wie hätte ich dann fünf Kinder großziehen können? Sicher, den Wetterbericht habe ich gehört, ich wusste jeden Abend, wie es auf dem Meer aussieht. Ob Bernd einen gefährlichen Einsatz hatte, erfuhr ich jedoch erst hinterher.

So wusste ich auch am 1. Januar 1995 nicht, dass der Kreuzer Alfried Krupp, auf dem Bernd als Vormann diente, an einer Rettung vor der Küste Hollands beteiligt war. Im Orkan war ein Frachter in Seenot geraten, und ein niederländischer Retter ging beim Versuch zu helfen über Bord. Daraufhin lief eine große Suchaktion an, bei der sich auch Bernd und seine Mannschaft beteiligten. Nach zweieinhalb Stunden fand ein anderer Kreuzer den Schiffbrüchigen, und alle Einheiten kämpften sich zurück durch das aufgewühlte Meer.

Seemannsgrab im Hubertgat

Im Hubertgat vor Borkum, wo tiefes auf flaches Wasser trifft, wurde die Alfried Krupp von einer mächtigen Grundsee erfasst. Eine Wasserwand stürzte auf das Schiff und riss es um. Der Kreuzer kenterte durch und richtete sich wieder auf, doch er sah aus, als hätte ihn eine Riesenfaust zerquetscht. Der Mast war zerdrückt, die Maschinen standen still, Wasser brach ein, und in der Messe bohrte sich der fest verschraubte Fernseher in die Decke.

Viel schlimmer war, dass einer der Männer nicht wieder auftauchte: Der Maschinist Theo Fischer wollte gerade hinunter in den Maschinenraum steigen, als das Unglück geschah, und da war er für wenige, entscheidende Sekunden ohne Sicherungsleine.

Die Mannschaft setzte einen Notruf ab, dann fiel das Funkgerät aus, und sie schossen mehrere Leuchtraketen in die Nacht. Es dauerte eineinhalb Stunden, bis ein Rettungshubschrauber den Kreuzer fand, der ohne Antrieb unkontrolliert in den Wellen rollte. Zehn Mal versuchten die Männer, vom Vorschiff aus das Windenseil zu greifen, das sie gerettet hätte, doch alle Versuche scheiterten an der hohen Dünung. Schließlich kämpften sie sich zurück zum Aufbau. Bernd wagte als Letzter den gefährlichen Weg. Da riss ihn ein Brecher von Bord. Die rote Leuchte seiner Rettungsweste verschwand im Dunkeln.

Der Kreuzer Otto Schülke schleppte den Havaristen schließlich an die niederländische Küste. Auch die zwei Überlebenden waren übel zugerichtet, einem wurde das Fußgelenk zerschmettert; er konnte nie wieder zur See fahren. In den Morgenstunden des 2. Januar war die Alfried Krupp wieder im Hafen, und Bernds Bruder Wolfgang erhielt einen Anruf der Seenotzentrale in Bremen.

Es gab keine Hoffnung mehr

Es war etwa fünf Uhr früh, als er mit seiner Frau vor meiner Tür stand, und mein Herz raste. Wolfgang sprach geradeheraus: »Doris, ich habe schlechte Nachrichten. Das Rettungsboot ist über Kopf gegangen, und Bernd ist vermisst. Und du weißt, was das heißt: Er ist ertrunken.«

Ich brauchte keine Erklärung; mir war klar, dass kein anderer Grund meinen Schwager um diese Zeit hierhergeführt hätte. Doch konnte ich sehen, wie schwer dieser Moment für ihn war. Und so nahm ich ihn einfach in den Arm. Wir standen eine Weile da, bis ich sagte: »Lass uns reingehen, es ist doch so kalt.«

Mayday – das Hörbuch der Seenotretter.

 

Am Küchentisch, wo sonst die Großfamilie lärmt, war es vollkommen still, nur der Sturm fauchte noch immer vor dem Haus. »Aber«, begann meine Schwägerin, »es gibt doch noch ein bisschen Hoffnung?« Wolfgang antwortete hart: »Nein, gibt es nicht!« Ich dagegen schwieg, was ihn beunruhigte. Immer wieder fragte er: »Hast du auch verstanden, was ich dir gesagt habe? Willst du die Kinder wecken?«

Ich weiß noch, dass ich mich fühlte wie ein Automat. Ich nickte, stand auf, kochte Tee, ging in die Schlafzimmer der Kinder und Enkel. Nach und nach kamen alle die Treppe herunter, völlig verstört saßen wir da. Irgendwann merkte ich, dass ich noch immer in Nachthemd und Bademantel war. Ich dachte nur: Wenn doch dieses blöde Herzklopfen mal aufhören würde! Ich hatte wirklich Angst, innerlich zu explodieren.

“Jetzt habe ich keinen Papa mehr”

Drei Tage lang durchkämmten Suchtrupps das Seegebiet vor Borkum. Seenotretter, Küstenwache und Polizei suchten nach Lebenszeichen. Doch für mich gab es nicht eine Sekunde der Hoffnung: Mein geliebter Bernd war tot, und ich musste weiterleben.

Auch fehlte die Zeit, um einfach in Trauer zu versinken: Nachbarn klopften an die Tür, das Fernsehen belagerte unser Haus, das Telefon stand nicht mehr still. Ich habe bergeweise Post bewältigt und riesige Pfannen voll Bratkartoffeln gemacht. Die Leute fragten mich, wie ich eigentlich essen könne, und ich sagte: »Ich weiß es nicht, ich stopfe es einfach rein.«

Wie betäubt ging ich durch diese Zeit, ohne zu weinen oder zu lachen. Schwer war es, die Kinder leiden zu sehen. Wir hielten eng zusammen, kochten, redeten und spielten »Mensch ärgere dich nicht«. Einmal saßen meine jüngste Tochter und mein Enkel regungslos auf der Treppe. Sie sagte: »Jetzt habe ich keinen Papa mehr«, er fügte hinzu: »Und ich keinen Opa.« Da brach alles über mir zusammen.

Für mich war Bernd immer ein Held

Im Dorf sprach man viel über das Unglück, aber mir behagte es nicht, die Witwe eines Helden zu spielen. Für mich ist Bernd nicht erst seit seinem Tod ein Held. Aber musste ich das allen auf die Nase binden? Irgendwann habe ich die Besuche abgesagt und blieb zu Hause. Vier Wochen lang wollte ich trauern, dann sollte unser Leben weitergehen.

 

Zur Trauerfeier in Emden kamen wir nicht in Schwarz, weil wir nicht wie Geister durch die Welt laufen wollten. Wie die Leute vielleicht geguckt haben! So hat das Unglück unsere Familie noch weiter vom Dorf entfernt. Viele haben nicht verstanden, wie ich so schnell zum Alltag zurückfinden konnte oder warum ich keinen engeren Kontakt zur Witwe des Maschinisten Theo Fischer suchte. Für mich war es der einzige Weg, um am Leben zu bleiben.

Die Suche blieb lange erfolglos

In unserem Haus kehrte Ruhe ein, als die Fernsehteams, die tagelang auf mein Erscheinen gewartet hatten, ihre Kameras einpackten und davonfuhren. Endlich konnte ich wieder auf dem Deich wandern, meine Tochter Julia ging mit mir. Am Strand hielt ich meine Hand in das kalte Salzwasser, und sie fragte: »Warum machst du das, Mama?« Ich antwortete: »Das ist jetzt die einzige Verbindung, die wir zu Papi haben.«

Vor Juist haben sie ihn dann gefunden, nach sechs Wochen. Jugend­liche entdeckten seinen Körper am Strand. Als mein Schwager ihn später sah, erkannte er ihn an der Tätowierung auf dem Unterarm. Sie zeigte einen Rettungsring, Wellen, zerbrochene Masten und die Buchstaben SOS. Bernd trug sie schon an dem Tag, als wir uns verliebten. Ich fragte damals, was es darstellt, und er sagte: »Das, Doris, ist ein Seemannsgrab.«

Erinnerung an den Seenotretter Bernhard Gruben. Foto: Enver Hirsch

Acht Jahre lang saßen Bernhard Gruben, Jahrgang 1942, und seine spätere Frau Doris, geboren 1944, im selben Klassenraum, ohne sich füreinander zu interessieren. Später trafen sie sich wieder und heirateten im November 1966. Doris Gruben machte eine Lehre als kaufmännische Angestellte und arbeitete in einem Textilgeschäft in Carolinensiel, später kümmerte sie sich um die gemeinsamen Kinder. Bernhard Gruben machte sein Patent auf der Seefahrtschule in Leer und fuhr jahrelang auf einem Logger in der Hochseefischerei, bis er 1976 in die DGzRS eintrat.

 

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