Zehn Jahre Ankerherz – Das Fiasko von Flensburg

Zehn Jahre Ankerherz: Das sind fünf Spiegel-Bestseller, acht Kreuzfahrten, ein Radiosender und jede Menge Spaß, den Zahlen eben nicht ausdrücken. Dazu gehört ein Abend, der so gründlich schiefgeht, das er intern nur „das Fiasko von Flensburg“ heißt. Es war die erste große Lesung, und heute kann man darüber schmunzeln, denn rückblickend kann man über vieles schmunzeln.

Der NDR hatte damals eingeladen, mit seiner feinen Reihe „der Norden liest“. Im Schifffahrtsmuseum an der Hafenkante von Flensburg. Ein bekannter Moderator führte durch den Abend, das Fernsehen vor Ort, das Radio auch, eine große Sache. Unser Buch „Orkanfahrt“, in dem fünfundzwanzig alte Kapitäne ihre besten Geschichten erzählen, war gerade vom SPIEGEL hoch gelobt worden. Unser erstes Buch! Wir freuten uns, wir waren aufgeregt und hockten unter einem alten Segelschiff im übervollen Saal.

Zehn Jahre Ankerherz – das Fiasko

Nun muss man wissen, dass alte Seeleute im Allgemeinen und alte Kapitäne im Speziellen besondere Männer sind. Sie reden ungern, sie reden wenig, sie sind bisweilen, sagen wir: etwas eigen.

Nachdem ich ihnen die Geschichten fürs Buch entlockt hatte, war ich auch für ein Verhörtraining bei der CIA geeignet. Alle Texte waren von ihnen autorisiert worden, Wort für Wort. Drei sollten an diesem Abend ihre beste Geschichte vorlesen. Als erstes kam also Kapitän A auf die Bühne. Beifall, lobende Worte des Moderators, das Mikro wurde zurecht gerückt. Es ging los, Herzklopfen.

Hunderte Jahre Seefahrt: Die Kapitäne aus „Orkanfahrt“, hier bei einem Treffen in der Haifisch Bar.

 

„Ich möchte mal vorwegschicken, dass das gar nicht meine beste Geschichte ist. Ich lese nur unter Protest“, brummte der Seemann.  „Ich hatte eine Sturmgeschichte, aber die wollte der Herr Krücken ja nicht hören.“

Herzaussetzer. Wo ist der Notausgang?

Raunen im Saal. Herzaussetzer. Hat er das wirklich gesagt? Der Moderator machte eine launige Bemerkung über Sturmgeschichten, die ja jeder kann, das Publikum lachte, der Kapitän las, Applaus. Seemann B schritt auf die Bühne. In seiner Story geht es um einen jungen Matrosen, der wegen einer Frau von Bord abhaut. Sichere Sache, nichts konnte schiefgehen. Kapitän B aber maulte:

„Moin. Also, ich hab ja selber auch was geschrieben.“

Mit diesen Worten kramte er in einer Aktentasche und legte einige Bücher auf den Tisch. Eines hielt er hoch. „Unbedingt zu empfehlen. Orkanfahrt? Naja.“ Wieder Raunen im Saal. Es gibt Momente, da fühlt man erst nichts und dann einen Reflex. Wo war eigentlich der Notausgang? Als Kapitän C auf der Bühne erschien (wie ich durch die Hände vor meinem Gesicht schemenhaft erkannte), konnte es eigentlich nicht mehr schlimmer kommen.

Doch natürlich kam es schlimmer.

Jeder kennt diesen Kapitän unter dem Spitznamen „Kuddel“, wirklich jeder, seine Freunde, die anderen Seeleute, sogar seine eigene Frau ruft ihn „Kuddel.“ Also fragte der Moderator: „Lustiger Kosename. Wieso heißen Sie eigentlich Kuddel?“ Der Kapitän schob die Brauen zusammen, er sah streng aus:

„Weiß ich auch nicht. Das ist wohl die künstlerische Freiheit von Herrn Krücken! Mich nennt niemand so.“

Das Raunen im Saal schwoll nun zu etwas an, das sich wie eine Brandung anhörte, gemischt mit plätscherndem Gelächter. So ähnlich muss sich jemand vorkommen, der bei Jauch fulminant an der 50-Euro-Frage scheitert, der beim Elfmeter im Finale über den Ball stolpert oder auf dem Weg zum Altar in einen Haufen tritt. Interessantes Gefühl. Konnte mir bitte das Schiffsmodell auf den Kopf fallen?

Der Moderator – er sei für seine Loyalität gepriesen – erkundigte sich nach einer Begrüßung, die mitgehört hatte, was der Kapitän mit einem unwilligen Grunzer quittierte und zu lesen begann. Beifall, Interviews, Signierstunde, die Leute vom NDR waren zufrieden und überhaupt schienen alle ihren Spaß zu haben.

Nach dem dritten Bier fand auch ich den Abend lustig.

Muss das Boot abkönnen

In der verrauchten Kneipe am Hafen, in der wir wenig später am Tresen standen, musste ich mit Kapitän A einen Friedensschnaps trinken, mir von Kapitän B diverse Verbesserungsvorschläge anhören und fragte Kapitän Kuddel, was der Quatsch sollte. Er grinste milde.

„Junge, weißte was: Das muss das Boot abkönnen.“ Damit schlug er mir auf die Schulter.

Ein Gutes hat die Geschichte: Als wir den Namen für unsere neue Comicfigur suchten, fiel mir der Name sofort ein

Raten Sie mal.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Orkanfahrt gibt es überall im Buchhandel und hier im Shop.

 

 

2 comments

vielen Dank für die guten Wünsche!
ankerherz on Mai 24 2012
... wunderbare "Geschichte" ... da fühlt man ordentlich mit ... nur gut, dass dat Boot dat abgekonnt hatte ;-) ... Mast- & Schotbruch für weitere Projekte
Micha on Mai 24 2012

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