Gegen das Vergessen: 327 Tote an der innerdeutschen Grenze

Todeszone innerdeutsche Grenze: Wie viele Menschen verloren an den Grenzanlagen der DDR bei ihrer Flucht in den Westen das Leben? Darüber diskutieren Historiker seit langem. Fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR haben Forscher erstmals die Geschichten der Toten an der innerdeutschen Grenze dokumentiert. Eine neue Studie des „Forschungsverbundes SED-Staat“ der Freien Universität Berlin, die nun vorgestellt wurde, nennt folgende Zahl: 327 Frauen, Männer und Kinder fanden den Tod. Hinzu kommen mindestens 139 Tote an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989.

Klaus Schroeder, der Direktor des Forschungsverbundes und Leiter der Studie, prüfte mit seinem Team insgesamt 1492 Verdachtsfälle. Die meisten Opfer waren junge Arbeiter, Bauern und Handwerker. Etwa jeder zweite starb im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Knapp jeder dritte Tote war zwischen 25 und 35 Jahren alt. 19 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren kamen an den Sperranlagen ums Leben. Das jüngste Opfer war nur sechs Monate alt; der Säugling erstickte 1977 im Kofferraum eines Fluchtfahrzeugs.

Innerdeutsche Grenze: eine Todeszone

„Diese Grenze war, wenn der Zynismus erlaubt ist, noch brutaler als die Berliner Mauer“, sagte Projektleiter Schroeder zu den Fluchtversuchen abseits der DDR-Hauptstadt Ostberlin. „Menschen, die auf Bodenminen traten, sind zerfetzt worden, zum Teil sind sie im Unterholz nicht gesehen worden. Erst Monate später wurden die skelettierten Leichen gefunden.“

Die Forscher untersuchten auch 44 Selbstmorde von Grenzpolizisten und Grenzsoldaten. „Viele von ihnen verrichteten diesen Dienst nicht aus freiem Willen, manche zerbrachen daran“, sagte der Historiker Jochen Staadt, ein Mitautor der Studie: „Auch ihnen wurde das DDR-Grenzregime zum Verhängnis.“

Ausdrücklich nicht in der neuen Studie enthalten sind Todesfälle beim Versuch, die Ostsee zu queren oder über die Grenzen anderer Warschauer Pakt-Staaten zu fliehen. Vor allem, was die Ostsee betrifft, gibt es eine hohe Dunkelziffer; man rechnet mit bis zu 500 Opfern. Die Forscher halten weitere Recherchen für notwendig.

„Nur raus hier!“

In unserem Buch „Nur raus hier!“ erzählen 18 Menschen von ihrer Flucht aus der DDR. Sie schwammen durch die Ostsee. Sie krochen mit einer Kugel im Rücken durch einen Wald in Österreich. Sie schwebten in einem Ballon über den Todesstreifen. Einige schafften es; andere büßten für ihren Mut in den Gefängnissen der Staatssicherheit.

Fotograf und Pulitzer-Preisträger Andree Kaiser, Jahrgang 1964, der Herausgeber von „Nur raus hier“, ist einer von ihnen. Als Teenager versuchte er die Flucht und saß dafür unter anderem im berüchtigten Stasi-Knast Hohenschönhausen ein. Er porträtiert Menschen, die bereit waren, für ihre Freiheit alles zu riskieren.

„Dieses Buch soll zeigen, wie der Unrechtsstaat DDR mit seinen Bürgern umsprang. Wie er sie wegsperrte und verkaufte. Es zeigt die persönlichen Schicksale. Den Mit, die Verzweiflung. Den ganzen Wahnsinn.“

Cover Nur raus hier

„Nur raus hier!“ gibt es überall im Buchhandel und hier bei uns im Shop.

 

 

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