Schon wieder 15 Container verloren – was ist auf der Nordsee los?

Die Schwemme von zehntausenden Überraschungseiern, die den Strand von Langeoog verschmutzten und die Insel tagelang in Atem hielten, stammt aus einem Container, die ein Schiff der Reederei Maersk verlor. Nun sind erneut Stahlkisten von Bord eines großen Frachtschiffs gefallen, und diesmal gleich 15. Wie die niederländische Küstenwache berichtet, verlor die „Red Cedar“ die Ladung vor der Insel Texel. Das Schiff – 193 Meter lang, 28 Meter breit, Flagge: Marshall Inseln – befand sich auf dem Weg von Hamburg nach Antwerpen, als es am Mittwochabend in schwere See geriet.

Berichte über Umweltschäden gibt es bislang nicht, und nach Angaben der Behörden befanden sich auch keine gefährlichen Stoffe in den Container. Was sie beinhalteten, scheint allerdings auch niemand so genau zu wissen. Eine Meldung warnt andere Schiffe im Seegebiet vor der verlorenen Ladung.

Container verloren im Nordsee-Stürmchen?

Als wir die Meldung lasen, dachten wir an Kapitän Manfred Schleiff, 80, einen der angesehensten Experten für Seefahrt im Norden. In unserem Buch „Wellenbrecher“ erzählt er, wie er im Pazifik bei einem monströsen Sturm mit Stärke 17 eine knapp 35 Meter hohe Monsterwelle überlebt.

Ohne einen einzigen Container zu verlieren.

Wie geht das? Wie ist es möglich, dass ein Schiff vor Texel in einem ziemlich normalen, beinahe alltäglich gewordenen Nordsee-Sturm 15 Container verliert, während Schleiffs Schiff einen Orkan von der Größe Europas auf dem größten Ozean der Welt ohne Verlust durchfährt?

Wir haben ihn angerufen.

„Ich habe vor Reisen, auf denen schlechtes Wetter zu erwarten war, zusätzliche ‚Bridge Fittings’ anbringen lassen. Das sind massive Klammern aus massivem, verzinktem Stahl, mit denen man Container verbindet“, sagt Schleiff. „Die Dinger sind teuer und mein Reeder hat immer geflucht. Doch dafür kamen wir immer mit allen Containern im Zielhafen an.“ Auch habe er zwei Mal am Tag die Spannschrauben nachziehen und oft kontrollieren lassen, weil sie sich durch die Vibration des Schiffes lockern können. „Bei meiner Crew war ich deshalb nicht der beliebteste Kapitän, die haben natürlich über den Alten geschimpft. War mir aber egal, denn dafür wurden die Jungs bezahlt. Und Sicherheit kommt an erster Stelle“, sagt Schleiff. 32 Jahre lang war er Kapitän unter deutscher Flagge und bildet noch heute Offiziere am Großsimulator aus.

Wie viele Container schwimmen in den Ozeanen?

Wie viele Container jährlich auf den Weltmeeren verloren gehen, darüber streiten die Experten. Berichte, nach denen es jährlich knapp 10.000 sein sollen, werden vom World Shipping Council heftig dementiert; nach Angaben der Organisation sollen es zwischen 2008 und 2010 im Schnitt nur knapp 350 jährlich gewesen sein. Eine Zahl, die allerdings sehr gering erscheint, auch wenn man bedenkt, dass 2013 mehr als 120 Millionen Container weltweit auf die Reise gingen.

Container-Türme im Hamburger Hafen. /// Foto: Andree Kaiser

Schleiff mag diese Zahl nicht glauben. Er hat beim Lloyds Register in London erfahren, dass alleine auf dem Nordatlantik zwischen Englischem Kanal und New York 25.000 Container verloren gingen. Böse gesagt: Wenn das weiter so geht, kann man irgendwann mit dem Rad nach New York fahren. Was sind die Gründe? „Manche sparen am Einsatz von Twistlocks (Verriegelungen, die Container miteinander verbinden). Manche Kapitäne scheuen sich davor oder haben Angst, den Leuten Ansagen zu machen. Und manchmal ist es ganz einfach Schlamperei“.

Bleibt zu hoffen, dass in den fünf Container von Texel nichts war, dass bald als unangenehmes Überraschungsei am Strand liegt.

 

Die Geschichte, wie Kapitän Schleiff die Monsterwelle überlebte, lest Ihr mit 24 anderen haarsträubenden Abenteuern von See in unserem Buch “Orkanfahrt“. Überall im Handel und hier bei uns im Shop.

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