Haifisch Bar Geschichten – Sturmflut mit Schlauchboot

Sturmflut mit Schlauchboot

Aufgeschrieben von Stefan Kruecken, Ankerherz.

 

Diese Sturmflut kam schneller als mancher junge Matrose beim Landgang auf Sankt Pauli. Gert, dem Wirt, blieb nichts anderes übrig, als zu tun, was eben zu tun ist, wenn das Wasser an der Hafenkante steigt. Er holte ein paar Sandsäcke, die in den Wintermonaten immer griffbereit sind, und stellte sie vor die Tür. Er drehte die Sicherungen raus und schaltete den Strom ab. Er zündete Kerzen an und stellte sich auf die Tische. Dann wartete er ab, wie schlimm es diesmal kommen würde.

„Oh, wie romantisch?“, brummt Gert, Kerl aus Sankt Pauli, „komm, hör`mir auf mit der Scheiße.“

 

Sturmflut Hamburg – Landunter im Hai

Der Wind drehte auf Nordwest, das Wasser stieg Zentimeter um Zentimeter, in einem Tempo, das selbst Gert, dessen Haifisch Bar so manche Sturmflut überstanden hat, noch nicht erlebt hatte. Die Gäste waren gegangen, alle bis auf einen, der auf einem Hocker am Tresen seinen Rausch ausschlief. Zwanzig Zentimeter unter dem Fensterbrett stand das Wasser nun, und Gert dachte: „Hoffentlich geht das gut.“

Vor der Tür sah er ein Dixie-Klo vorbeitreiben, das zu einer nahgelegenen Baustelle gehörte. Dann wurde der Betrunkene am Tresen wach, offensichtlich drückte das Wasser.

„Was´n los Gert, holma `n Taxi“, nuschelte er.

„Soll ich dir ein Schlauchboot bestellen?“, fragte Gert zurück.

Der Betrunkene sah sich ratlos um, starrte auf die Hosenbeine, die bis zum Knie nass waren.

„Okay, ich geh`erstmal aufs Klo.“

Gert und ein Mitarbeiter saßen auf dem Tresen – und sie lachten los, so absurd war die Situation.

Als einige Stunden später die Elbe wieder ablief, begannen die Aufräumarbeiten. Gert erinnert sich, dass die Tür aufschwang. Ein Mann trat hinein, offensichtich ein Tourist. Er sah erstaunt aus und fragte: „Ist das Wasser wirklich hier reingekommen?“ Gert, den Feudel in der Hand, starrte ihn fassungslos an, doch es wurde noch besser: „Andere Frage: Gibt es schon Kaffee?“, erkundigte sich der Gast. Als er erkannte, dass Gert daran dachte, für den Feudel einen anderen Verwendungszweck zu finden, ging er lieber schnell.

Für die Barkeeper der Haifisch Bar sind die Tage nach einer Sturmflut die Schlimmsten, denn das Hafenwasser hinterlässt schmutzige Spuren. Schrubben, Schäden begutachten, beschädigte Waren entsorgen. In manchen Wintern steht das Wasser mehrfach in den Räumen. „Außenstehende, die eine solche Sauerei noch nicht beseitigt haben, können gar nicht mitreden“, sagt Gert. „Zwischen November und April schlafe ich immer ein wenig schlecht.“

 

 

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