Stefans Geschichten vom Meer: Am Leuchtturm der Ertrunkenen

Jeden Samstag schreibt Ankerherz-Verlagsleiter Stefan Kruecken eine “Geschichte des Meeres” für die Hamburger Morgenpost. Natürlich erscheint sie auch im Ankerherz-Blog. Diesmal geht es um eine Kunstinstallation, die unter die Haut geht. Am Leuchtturm der Ertrunkenen.

Als wir dem Leuchtturm näher kommen, der ganz am Ende der Hafenmauer steht, hören wir die Morse-Codes. Zwei Mauern schützen den Hafen, sie liegen wie geöffnete Arme um die Docks von Ramsgate im Südosten Englands. Dieser Schutz ist wichtig. Jeder Morse-Code, der aus dem Inneren des kleinen Turmes mit einem roten Dach dringt, ist der Name eines Schiffes, das vor der Küste sank.

Mehr als zweitausend Schiffe, so schätzt man, liegen hier auf Grund.

Mehr als tausend Namen werden in endloser Schleife von morgens bis abends rausgeschickt über die See und den Hafen. Es ist ein Kunstprojekt, das eine Gänsehaut verursacht.

Am Leuchtturm der Ertrunkenen

Worse things happen at sea“, die schlimmsten Dinge passieren auf See, das war eine Redensart des Vaters von Nick De Carlo, einem in Ramsgate lebenden Künstler, der die Idee hatte. Sein Vater arbeitete als Funkoffizier der Marine. Dieser Satz und die Geschichte der „Godwin Sands“ inspirierten De Carlo zu seiner Installation, die jeden Besucher ergreift, aber keine Million € kostet. Sie ist so einfach und deshalb so genial.

 

Die Goodwin Sands sind eine Kette von Sandbänken in der Straße von Dover, insgesamt 16 Kilometer lang, die der Volksmund den „großen Schiffsschlucker“ nennt. Schon in Stücken von William Shakespeare und im „Moby Dick“ von Herman Melville wird die berüchtigte Sandbank erwähnt, als besonders gefährlicher Ort. Wie viele Seeleute hier ihr Grab fanden? Alleine im „großen Sturm“ vom 26. und 27. Oktober 1703 sanken auf den Goodwin Sands 150 Schiffe, wobei mehr als 1500 Seeleute ihr Leben verloren.

Ein Morse-Code für jedes gesunkene Schiff

Ein Morse-Code nach dem anderen dringt aus dem Leuchtturm heraus. Man sitzt auf einer Bank, sieht hinaus auf die See, die an diesem Herbsttag nur leicht bewegt ist, und spürt diese Gefahr. Es gehört zur Magie des Meeres, dass es so bedrohlich ist.

Welche Ängste müssen die Seeleute früher ausgestanden haben? Wenn ein schwerer Sturm aufzog und sie wussten, dass sie es mit den „Goodwin Sands“ zu tun hatten. Schon immer war die Straße von Dover eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten der Welt. Das lateinische Motto „Perfugium Miseris“ hat man in den Stein des alten Leuchtturms gemeißelt, „Zuflucht für jene in Not“. Wie die geöffneten Arme des Hafens, an dem man einhundert Jahre lange baute.

Auf dem Weg zurück in die Stadt spazieren wir an der Kirche der Seeleute vorbei. Die Tür steht auf. Diese Kirche wurde einst errichtet für die Crews der Fischerboote und ihre Schiffsjungen, „Smack Boys“ genannt. Sie diente auch als Station für Schiffbrüchige, die einen Untergang überlebt hatten. An den Wänden sieht man Zeichnungen, Schiffsmodelle, Fotografien von Schiffen.

Wie viele Gebete dieser Raum schon gehört hat.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland.

 

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