Stefans Geschichten vom Meer: die Kopftuch Revolutionärin

Jeden Samstag schreibt Ankerherz-Verlagsleiter die Kolumne „Geschichten des Meeres“ für die Hamburger Morgenpost. Dieses Mal geht es um eine Frau, die Trauer in Trotz verwandelte – und vielen Männern das Leben rettete. Die Revolutionärin mit dem Kopftuch aus dem englischen Hull.

Die Meeres-Geschichte dieser Woche handelt ohne Zweifel von der Segeltour der Klima-Aktivistin Greta Thunberg in die USA. Doch zu diesem Thema scheint mir alles geschrieben worden zu sein, außer vielleicht, die Yacht wird auf dem Weg nach New York City von einem Wal gerammt, was der Himmel verhindern möge.

Die Revolutionärin mit dem Kopftuch

Ich möchte lieber von einer anderen Frau erzählen, die etwas verändert hat. Eine einfache Frau aus der Arbeiterklasse, die sich mit mächtigen Bossen anlegte, beschimpft und bedroht wurde. Sie mag in Vergessenheit geraten sein, doch ihr Vorbild ist es nicht. Man nannte sie „die Kopftuch-Revolutionärin“. Vermutlich bekommen AfD-Wähler schon bei der Überschrift Schnappatmung, und auch das hat ja etwas für sich.

Im Januar 1968 laufen drei Trawler im Hafen von Hull in Nordengland aus. Die Fangreise geht an die Nordküste Islands. Das Wetter auf dem Nordatlantik ist schlecht. Stürme und gewaltige Wellen setzen den Fischern zu, und das Eis, das sich durch gefrierende Gischt an Bord bildet, ist eine Gefahr. Die drei Trawler senden nach einigen Tagen keine Lebenszeichen mehr, doch die Angehörigen wissen nicht, was passierte. Es gibt keine Funker und nur eine miserable Ausrüstung an Bord. Die drei Trawler sinken. 58 Fischer ertrinken.

Nicht Greta Thunberg. Lilian Bilocca

Lilian Bilocca, Arbeiterin in einer Fischfabrik, verliert ihren Mann und ihren Sohn an die See. Ihre Trauer wandelt sich in Wut. Sie schreibt einen Brief an die Chefs der Fangflotte: „Ihr feinen Herren an der Spitze, diese Kerle leben unter Bedingungen, die sich niemand vorstellen kann. Sie leben hart. Sie arbeiten hart. Sie sterben hart.“ Sie stellt Forderungen auf, um die Sicherheitsstandards zu verbessern, und nennt sie die „Charta der Fischer“: Es soll Funker an Bord jedes Trawlers geben, präzise Wettervorhersagen, bessere Ausrüstung und medizinische Versorgung.

Sie sammelt mehr als 10.000 Unterschriften. Sie zettelt Demonstrationen in den Docks von Hull an und will verhindern, dass Boote ohne Funker auslaufen. Einmal müssen sie mehrere Polizisten daran hindern, auf das Deck eines Trawlers zu springen, der von der Pier ablegt. Die Medien werden auf den Kampf der „Big Lil“ Bilocca aufmerksam. Man nennt sie wegen ihrer typischen Kopfbedeckungen „Kopftuch Revolution“, und sie verdrängt sogar den Vietnam-Krieg von den Titelseiten.

Die Bosse der Fischerei-Industrie sind außer sich vor Wut. Aus Rache feuert die Fischfabrik Lili Bilocca. Sie landet auf einer „schwarzen Liste“ und findet jahrelang keinen Job in Hull. Sie wird beschimpft, verleumdet und mit dem Tode bedroht. Gewerkschafter, die sie zu Beginn unterstützten, wenden sich ab. Doch sie macht weiter, im Gedenken an ihren Mann und ihren Sohn. Ihre Revolution wächst, und schließlich willigt Premierminister Harold Wilson ein, sie zu treffen. Wenig später werden die Forderungen der „Charta“ in die Vorschriften und Arbeitsschutzgesetze übernommen.

Lilian Bilocca hat ihre Revolution gewonnen.

Im Hafen von Torshavn, Färöer. Die Jacke gibt es bei uns im Shop.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. 

 

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