Stefans Geschichten vom Meer: Im Auge des Sturms

Im Auge des Sturms. Diese Folge von Stefans Geschichte des Meeres kommt direkt von See.

Ich schreibe diese „Geschichte des Meeres“ im Auge eines Sturmtiefs auf dem Nordatlantik. Der Kapitän der Islandfähre ist absichtlich in das Zentrum hineingefahren, weil das Wetter darin ruhiger ist. Wir bewegen uns nun mit dem Sturm nach Südwesten, in Richtung unseres Zielhafens Hirtshals in Dänemark.

Um uns herum leuchtet die Seewetterkarte in allen Warnfarben von gelb bis violett, doch das Schiff liegt ruhig in der See, auch dank der Stabilisatoren. So geht richtig gute Seemannschaft.

Seit zwei Wochen pflügen wir an Bord der „Norröna“ nun durch den Nordatlantik.Skua-Tour“ heißt die Reise, ein Abenteuer mit Geschichten und Musik von See (nächster Termin: März 2022). Wir haben mehr als zehn Meter hohe Wellen auf der Islandsee erlebt, die majestätischen Klippen der Färöer bestaunt, wir sind im Fjord der Feuerstelle zu einem Wasserfall gewandert und konnten zweimal nicht von Bord, weil Schneestürme um das Schiff tobten.

Im Auge des Sturms

Wie immer waren es intensive Tage auf See, denn der Nordatlantik im Winter nimmt einem den Atem, in mehrfacher Hinsicht. Ich packe für die Tour jedes Mal Bücher ein, die ich unbedingt lesen will und nehme mir vor, selbst einiges zu schreiben. Doch am Ende der Skua-Tour habe ich vor allem stundenlang auf die Wellen gesehen.

Der Nordatlantik macht etwas mit den Reisenden, und das erkennt man auch daran, wie sich unsere Gruppen verhalten. Unterschiedlichste Menschen nehmen an der Reise teil, alle Milieus, alle Altersklassen: Vom Hafenarbeiter zur Innenarchitektin, vom Studenten aus Hamburg zur Grand Dame aus Starnberg. Sie fahren als Fremde los und kommen als Freunde zurück.

Eine Krankenschwester war dabei, aus einer Notaufnahme in Celle. Eine Mitreisende, die kurzfristig absagen musste, hatte ihr die Reise geschenkt. Sie berichtete von ihrer Erschöpfung und ihrer Wut auf jene, die sich noch immer nicht impfen lassen wollen.

Sobald die „Norräna“ die Shetlands passiert, wird der Kapitän das Auge des Sturmtiefs verlassen müssen, das natürlich nicht genau auf seiner Route unterwegs ist. Dann ist es mit der Ruhe an Bord vorbei – und so fühlt sich auch das Ende der Reise insgesamt an.

Corona spielte keine Rolle

Auf dem Schiff mussten alle geimpft und getestet sein, denn Islands Behörden nehmen es sehr genau. Corona spielte eigentlich keine Rolle im Bordalltag auf See. Ein Schiff als Raumschiff.

Als wir losfuhren, lag die Inzidenz in Deutschland bei etwas über 100. Nun ist sie auf mehr als 450 gestiegen – und große Sorgen vor einer neuen Mutation aus Südafrika gehen um.

Wir fahren raus aus dem Auge des Sturms. Der Wind kommt jetzt von vorne und die Wellen schlagen hoch. Jetzt braucht es gute Seemannschaft, und gerade das macht mir Sorgen.

Wir benötigen einen Kapitän. Wir haben einen Spahn.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Das neue Buch heißt „Überleben im Sturm“.

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