Nordische Jagt Grönland: eine Legende unter Segeln

Die Nordische Jagt Grönland ist eine Legende unter Segeln. Am 15. September 1868 kreuzte sie bis zu einer Breite von 81°4,5’N auf, so weit nördlich, wie es bis heute keinem Schiff ohne Hilfsmaschine an Bord gelungen ist. Auf dieser abenteuerlichen Reise unter Kapitän Carl Koldewey erlebte die Besatzung schwere Stürme, entkam nur knapp dem Packeis und den Angriffen von Eisbären.

Die erste Reise der Grönland in den hohen Norden begründete die deutsche Forschungsschifffahrt. Und das Besondere: Das Schiff ist bis heute im Einsatz! Es ist das älteste segelnde Seeschiff in Deutschland – und liegt am Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. Am 10. Oktober feiert man die Heimkehr der ersten deutschen Polar-Expedition mit einem großen Familienfest.

Die Nordische Jagt Grönland ist eine Legende

Bis heute ist das Schiff so gut in Schuss wie zu Zeiten der Pioniere. Liebevoll betreut wird die Grönland von einer Mannschaft aus Freiwilligen, die auch die Seemannschaft und das Handwerk jener Zeit pflegen. Die Nordische Jagt ist ein segelnder Botschafter aus einer vergangenen Epoche. Auch anderthalb Jahrhunderte nach ihrer Expedition ist sie noch immer auf den Meeren unterwegs. Ein aktives Schiff, auf dessen Planken Tradition erlebbar wird.

Zwölf Männer waren an Bord der Grönland, als sie am 24. Mai 1868 den Hafen von Bergen verließ: Eine Crew aus erfahrenen Seeleuten, „durchwettert und geschult“ (Koldewey). Seemänner, die es eigentlich gewohnt waren, auf großen Schiffen ihren Dienst zu verrichten. „Sie wurden in Folge der raschen und kurzen Bewegungen unseres kleinen Fahrzeugs etwas seekrank“, notierte Koldewey in seinem Bericht, und fügte etwas spöttisch an: „Es war äußerst komisch, diese breiten, kräftigen Gestalten und seegewohnten Leute zu sehen, mit welchen unglücklichen Mienen sie jede starke Bewegung des Schiffes begleiteten.“

 

Koldeweys Expeditionsbericht liest sich wie ein echter Abenteuerroman. Die Stürme, die Fahrt durch das Eis, der Nebel, die Momente, wenn das Eis die Grönland umschließt. Wie groß mag die Anspannung an Bord gewesen sein, im Wissen, dass es niemals möglich gewesen wäre, Hilfe zu bekommen? Auf zwei Seiten in seinem Report drückt sich das ganze Drama besonders intensiv aus. „Am 8. Juni stürmisches Wetter mit heftigen Schneeschauern. Das Eis setzte sich im Westen mehr und mehr an und wir waren genötigt, von einem Wasserbecken in das andere zu flüchten  und zwischen den Eisschollen so gut nach Osten zu arbeiten, wie es angehen konnte. Die Schifffahrt im Eise bei solchem Sturm und Schneewetter ist von der allerschwierigsten Art und die Lenkung des Schiffes erfordert (…) vor allen Dingen Ruhe und Geistesgegenwart des Commandierenden. Alles Eis ist in heftiger Bewegung“.

Nur eine Seite später ist die Nordische Jagt Grönland von Eis eingeschlossen  und Eisbären nähern sich dem Schiff. „Die ganze Mannschaft hatte nun nichts Eiligeres zu tun, als tumultarisch hinter dem Bären herzustürzen. (…) Triumphierend wurde der Körper von den Leuten über die Eisschollen zum Schiff geschleppt und das Fell abgezogen.“

Auf der Suche nach dem Seeweg zum Nordpol

Die Expedition ging von einer Theorie aus, die der Karthograph August Petermann aufgestellt hatte, treibende Kraft hinter der Expedition: Demnach gab es hinter einem Gürtel aus Treibeis und Packeis ein offenes Meer, über das man den Nordpol erreichen konnte. Dafür müsse man dicht unter der Küste von Ostgrönland oder östlich von Spitzbergen segeln. Wer einmal dieses „offene Meer“ erreichte, davon war Petermann überzeugt, könnte bis zum Pol segeln.

Dass diese Theorien – die er nicht mal in Ansätzen wissenschaftlich belegen konnte – noch Anhänger fanden, mutet aus heutiger Sicht seltsam an. Doch in Deutschland gab es, bedingt durch die kleinstaatliche Enge, einen Markt für Abenteuergeschichten und Expeditionsberichte aus fernen Ländern.

 

Kapitän Koldewey und seine Crew suchten diesen Weg, den es nicht gab, also vergeblich. Immer wieder wetterten sie Stürme ab, trafen Walrossjäger und Walfänger, entdeckten Inseln, die noch nie karthographiert worden waren und erweiterten die Vermessungen der Region. Am 15. September 1868 kreuzte die Nordische Jagt Grönland bis zu einer Breite von 81°4,5’N auf. Dies ist der nördlichste Punkt, den ein Segelschiff ohne Maschine bis heute nachweislich erreicht hat.

Die Grönland richtete ihren Bug schließlich wieder nach Süden. Nach kurzem Aufenthalt in Bergen erreichte das Schiff die Wesermündung am 10. Oktober. Das Wetter war schlecht, mit reichlich Wind, doch zur Freude der Besatzung lief der Schleppdampfer „Diana“ dem Segelschiff entgegen und zog es in wenigen Stunden nach Bremerhaven. „Wir wurden auf eine so großartige Weise empfangen, wie wir es uns wahrlich niemals hätten träumen lassen“, notierte Koldewey in seinem Expeditionsbericht.

Dreitausendfünfhundert Seemeilen war die Besatzung der Nordischen Jagt Grönland durch wenig bekanntes Gebiet gesegelt, bei teils harten Wetterbedingungen und Eisgang. Eine großartige Leistung! Heute kümmert sich eine Crew aus Ehrenamtlern um das Schiff. Nahezu alle Berufssparten sind vertreten, vom Handwerker zum Akademiker. Sie  kümmern sich nicht nur um den Erhalt des Schiffes, sondern halten auch die Kenntnis lebendig, wie man die Nordische Jagt Grönland segelt.

 

 

150 Jahre später – das große Familienfest

Am 10. Oktober 2018, also genau 150 Jahre, nachdem die Grönland in Bremerhaben empfangen wurde, feiert man den Tag mit einem großen Familienfest. Spannung verspricht, neben der Schiffsbesichtigung, ein 20-minütiger Film über die Arktisfahrt der GRÖNLAND. Er wird im Gebäude t.i.m.e. Port II neben dem Schiff laufend am Tag wiederholt. Dort können die kleinen Besucher*innen einer Lesung lauschen oder einen eigenen Film gestalten. Klein und Groß können bei den Experimenten vom Zoo am Meer herausfinden, warum Eisbärenhaut eigentlich schwarz ist und wie Eisbärenhaare genau aussehen. Wissenschaftler*innen vom AWI und dem DSM stehen Rede und Anwort und am Ende des Tages veranschaulicht ein Bericht mit Fotos, wie eine Reise in Polgebiete und das Leben an Bord der POLARSTERN tatsächlich aussieht.

 

 

 

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