Seemannsdiakon Sturm: Ich bin ein echter Quiddje

Fiete Sturm ist der Seemannsdiakon von Hamburg-Altona und Leiter der Seemannsmission an der Großen Elbstraße. Jeden Donnerstag schreibt er im Ankerherz Blog aus seinem Leben. In dieser Folge verrät er, dass er ein echter Quiddje ist. Was das meint? Erfahrt Ihr hier!

„Fiete Sturm! Und dann arbeitest Du noch in der Seemannsmission. Das passt so gut! Richtig nordischer Name! Ist das ein Künstlername? Da ist der Name Programm, oder?“

Solche und ähnliche Kommentare bin ich tatsächlich mittlerweile gewohnt, wenn ich mich irgendwo vorstelle. Anfangs war ich geschmeichelt. Irgendwann dann aber meist doch latent genervt. Heute habe ich mich damit abgefunden, dass ich mit diesen Namen um das Klischee nie ganz herum komme. Also habe ich es zum Teil meiner Persönlichkeit gemacht. Der Bart wurde länger, es kamen maritime Tattoos dazu. Ab und an, in einer ruhige Stunde, zünde ich mir sogar mal gemütlich eine Pfeife an.

Auf der Arbeit hilft es mir Gästen der Seemannsmission, die keine Ahnung vom heutigen Leben der Seeleute haben, mit ein paar kernigen Sprüchen bei ihren eigenen Vorstellungen vom bärbeißigen Seemann abzuholen. Um sie dann sanft in die Realität eines harten Industriejobs überzuleiten.

Ein wachechter Quiddje

Wenn ich dann erzähle, dass ich eigentlich kein „Hamburger Jung“ bin sondern ein waschechter Quiddje und gebürtiger Bielefelder, sorgt das meist für weitere Erheiterung. Quiddje, so nennt man in Hamburg Zugezogene, die auch noch Hochdeutsch sprechen.

 

Dabei war meine Entscheidung in den Norden und nach Hamburg zu ziehen eine Herzensangelegenheit. Schon immer habe ich mich sehr wohl hier oben gefühlt. Auch ein Teil meiner Verwandtschaft kommt aus der Gegend. So hat mein Vater noch bei Blohm + Voss auf der Werft seine Ausbildung zum Schiffsschlosser gemacht. Dass ich heute aus meinem Bürofenster auf die gleichen Docks schauen kann, in denen er gearbeitet hat, schließt für mich den Kreis.

Liebeserklärung an Hamburg

Aber ich habe mich an vielen Orten wohl gefühlt. Was macht nun gerade Hamburg so besonders? Es sind für mich definitiv nicht die Pluspunkte aus dem Reisekatalog. Sicher ist das Miniaturwunderland immer einen Besuch wert. Und Speicherstadt, Michel, Landungsbrücken und Co kann man sich auch immer anschauen.

Doch das ist es nicht, was mich wirklich beeindruckt hat.

Hamburg ist für mich viel mehr die Summe seiner Teile. Mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Und wirklich verliebt habe ich mich in die Stadt nach einer langen Geburtstagsnacht beim Rum-probieren im Café Freudenhaus auf dem Kiez. Genauer gesagt beim anschließenden Auskurieren der Nachwirkungen am Strand des Falkensteiner Ufers. Heute geht mir das häufig auf dem Arbeitsweg so, auf dem Fahrrad. Wenn mir der Geruch rund um die Fischhallen in die Nase weht. Und der Wind im Gesicht, der mit einem leichten Schauer eine Idee des entfernten Meeres mit sich trägt. Wenn ich mir beim Arbeiten eine Pause genehmige, aus dem Fenster schaue und mich frage: Wohin mag das gerade auslaufende Schiff wohl fahren? (Das hier ist übrigens der Blick aus meinem Büro.)

 

Auf meinem Weg nach Hause komme ich an der Haifisch Bar vorbei und dem „Hafenklang“, einem Punk- und Rockclub, der mittlerweile wie ein sympathischer Fremdkörper zwischen den Designerläden wirkt. An Landungsbrücken, Hafencity und Speicherstadt. Am Hauptbahnhof entlang und an den Obdachlosentreffs. Bis nach Hamburg-Hamm, einem der bevölkerungsreichsten Stadtteile. Der große Facettenreichtum Hamburgs ist es, was für mich auch den Reiz ausmacht. Und die Weltoffenheit, die man so oft nur in großen Hafenstädten findet.

Danke, Hamburg!

Aber ich bin ein sozialer Mensch. Und so verblassen für mich all die schönen Eindrücke schnell gegen den eigentlichen Star der Elbmetropole: den Menschen, die hier leben! Versteht mich nicht falsch. Auch anderswo gibt es tolle Menschen und ich schätze mich glücklich, einen exquisiten Freundeskreis in der gesamten Republik und darüber hinaus zu haben. Aber die sprichwörtliche, hanseatische Mentalität ist es, was es mir wirklich angetan hat.

Das Unaufgeregte und Authentische. Die vielen schillernden und unterschiedlichen Persönlichkeiten, die ich hier kennenlernen durfte, sie sind der wahre Schatz der Stadt. Ob Kiezgestalten oder Kaufleute, Hafenarbeiter oder Gastwirte, Kirchenmenschen oder Obdachlose. Ich bin dankbar für viele von ihnen, deren Weg ich hier bisher kreuzen und die ich begleiten durfte.

Danke Hamburg. Für dich und deine Menschen!

Aus dem Hamburger Hafen,

Euer Fiete Sturm

FIETE STURM, JAHRGANG 1982, IST HAMBURGS SEEMANNSDIAKON UND LEITER DER SEEMANNSMISSION ALTONA. IM ANKERHERZ BLOG SCHREIBT ER AUS EINEM LEBEN UND SEINEM ALLTAG IM HAFEN. JEDEN DONNERSTAG HIER.

0 comments