Stefans Geschichten vom Meer: Der Stolz von Liverpool

Der Stolz von Liverpool. Jede Woche schreibt Ankerherz Verlagsleiter Stefan Kruecken eine Geschichte vom Meer, die in der Hamburger Morgenpost erscheint. Dieses Mal geht es um die Hafenstadt Liverpool und einen Fußballklub, der so viel bedeutet für die Menschen dieser Hafenstadt.

Als wir aus dem Club in den Royal Albert Docks stolperten, gab es keine Chance, ein Taxi zu bekommen. Didi Hamann, der damals im Mittelfeld des FC Liverpool auflief, ein Freund Campinos, trat neben uns an die Bürgersteigkante. Augenblicke später bremste ein Taxi mit quietschenden Reifen. Der Fahrer kurbelte die Scheibe runter.

„Fuck sake, fuckin’ Didi Hamann?“

Hamann nuschelte was, worauf der Taxifahrer ausstieg, die hintere Tür aufriss, seinen Fahrgast hinauszerrte und Hamann mit den Worten:

„Welcome, Mr. Hamann“ einsteigen ließ. Das Taxi fuhr davon, unter den Flüchen des Herausgeworfenen. Leider saßen wir nicht mit drin im Taxi, entdeckten aber immerhin einen Bus, der zumindest in die Gegend fuhr, in der sich unser Hotel befand.

Es war Samstagnacht in Liverpool, die Reds hatten am Tage gegen Norwich City gewonnen, soweit gewöhnlich. Nun feierte die Stadt, aber die Art war, wenn man das nicht kannte, eher ungewöhnlich. Wir saßen im oberen Stock dieses Doppeldeckers und warteten auf die Abfahrt. Die Haltestelle befand sich vor einem Schnellrestaurant, ich meine, es war ein KFC. Ein Betrunkener krabbelte auf allen Vieren hinein. Zwei junge Kerle kippten mitsamt einem Betrunkenen auf ihren Schultern nach hinten um, zum Glück in ein Gebüsch. Ein Paar fummelte ungeniert unter einer Straßenlaterne. Jemand übergab sich in den Rinnstein. Selbst Campino, der alte Punk, zeigte sich beeindruckt: Eine Stadt im Rausch, an einem Samstagabend nach Norwich City.

Viel mehr als Fußball

Ich kann mir also ungefähr vorstellen, was in den letzten Stunden in Liverpool los war und was in den kommenden Nächten los sein wird. Kaum eine Stadt feiert so bedingungslos, vor allem, wenn es um die erste Meisterschaft nach 30 Jahren geht. Mittendrin der deutsche Trainer Jürgen Klopp, über dessen Denkmal vor dem Stadion an der Anfield Road schon debattiert wird. Klopp hatte an die Fans der Reds appelliert, angesichts von Corona daheim zu bleiben, aber das brachte wenig.

Was der erste Meistertitel nach drei Jahrzehnten für die Menschen der Hafenstadt bedeutet, ist schwer zu ermessen. Fußball bietet vielerorts einen Notausgang, Familienersatz und ein Stück Identität. Aber in kaum einer anderen Stadt gehört Fußball so elementar zum Leben. Fußball war immer der soziale Kitt, als es Industrie, dem Schiffbau und dem Hafen schlecht ging und die Arbeitslosigkeit in einigen Gegenden 90 Prozent betrug. Noch heute gehört Liverpool, trotz der Beatles, trotz aller Kultur, trotz teurer Bauprojekte in den Docks und einem spürbaren Aufschwung, zu den zehn ärmsten Städten Großbritanniens. Mit hoher Armutsquote, Kinderarmut und auch einem Problem mit der Gewalt.

Der Stolz von Liverpool

Wenn sie auf dem Kop, der Tribüne der besonders Treuen, die Schals hochhalten und „You´ll never walk alone“ anstimmen, berührt das jeden, der ein Herz besitzt. Niemals alleine durch den Sturm zu müssen, was für ein Bild. Für Klopp ist es das schönste Lied der Welt. (HIER findet Ihr einen Beitrag zur Geschichte des Songs.)

In jener Nacht in Liverpool fragte uns der Busfahrer am Ende seiner Tour, wohin wir denn müssten. Wir waren die letzten Passagiere und hatten keine Ahnung. Ich vermute, er hatte das Liverpool-Tattoo auf Campinos Unterarm gesehen. So seufzte der Mann und fuhr uns mit seinem Doppeldeckerbus bis vor den Eingang unseres Hotels. Die Tür sprang zischend auf.

„Good night, lads“, sagte er.

Das war er, der Stolz von Liverpool.

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch heißt Kapitäne! Er ist übrigens Fan des 1.FC Köln.

 

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