Stefans Geschichten vom Meer: Spaziergänger und Helden

Spaziergänger und Helden. In Stefans Geschichte vom Meer geht es heute um eine alltägliche Heldentag im Norden Schottlands. Vor allem aber um die Frage: Wie dreht man in der Endlosschleife von Corona, Querdenker und Schwachsinn nicht durch?

Das neue Jahr ist erst wenige Tage alt und fühlt sich doch wieder an wie das alte. Corona und Gezänk überall und immer wieder diese Querpfosten, die Demonstrationen und Angriffe auf Polizisten und Journalisten nun als „Spaziergänge“ tarnen. Wenn das so ist, sollte doch ab und an der bereifte XXL-Blumengießer zum Einsatz kommen. Oder wie heißen Wasserwerfer neuerdings?

Spaziergänger nerven so hart

Von vielen höre ich, dass der Zustand, in einer Dauerschleife aus deprimierenden Nachrichten, ärgerlichem Schwachsinn und existentiellen Sorgen gefangen zu sein, selbst den stabilsten Optimisten ans Gemüt geht. Zeit, nach Gegenmitteln zu suchen.

Ich versuche, so oft es geht mit der Familie und den Hunden unterwegs zu sein. Spazieren gehen, aber richtig. Ich schaue mir zum Beispiel „Atlantic Crossing“ an, eine sagenhaft gut gemachte Serie über Norwegens Königsfamilie im Zweiten Weltkrieg. Auch Bücher bieten Stoff für eine kleine Flucht im Kopf: Gedanklich ans Meer.

Drama vor Schottland

Und ich freue mich, wenn ich von kleinen Ereignissen wie diesem berichten kann. Sie geben mir, wie soll ich sagen: den Glauben an Mitmenschlichkeit und Mut zurück. Der Einsatzbericht der Seenotretter im Norden Schottlands liest sich wie immer trocken, doch zwischen den Zeilen steckt Drama.

Die Retter der Station im kleinen Fähr- und Fischereihafen Scrabster waren von der Familie eines Ruderers alarmiert worden. Er war mit seinem Hochsee-Kayak von Sturm und Strömung auf den Atlantik getrieben worden. Die Retter fanden den Mann schließlich 39 Seemeilen vor der Küste, das sind umgerechnet mehr als 70 Kilometer. Wieso man im Winter in einer Schlechtwetterphase raus auf den Atlantik rudern muss? Genau, das ist eine andere Frage.

Die Helden der RNLI

Als die Seenotretter mit ihrem Kreuzer „The Taylors“ eintrafen, gab es jedenfalls ein Problem. Die Wellen waren vier Meter hoch, und der Vormann fürchtete, dass das acht Meter lange Ruderboot beim Schleppen unter Wasser gedrückt werden könnte. Also setzten die Retter ein Schlauchboot aus: im Sturm, bei diesen extremen Bedingungen.

Zwei freiwillige Seenotretter steuerten an das Ruderboot heran. Sie nahmen den verirrten Wassersportler an Bord. Der Mann war seit zwei Tagen auf See. Ohne sein Sattelitentelefon hätte niemand jemals wieder von ihm gehört.

Neun Stunden später lief der Seenotkreuzer im Hafen von Scrabster ein. Die Familie des Geretteten wartete schon an der Pier, unendlich dankbar. „The Taylors wurde gereinigt und betankt für den nächsten Einsatz“, heißt es nüchtern im Bericht der RNLI.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet den Ankerherz Verlag. Vorher war er Polizeireporter für die Chicago Tribune und arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ von Uganda bis Grönland. Zuletzt erschien das Buch „Überleben im Sturm“ über die Retter der RNLI.

 

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